Hettys blaues Café

Schwarzromantik & Dunkles Leben

Anderssein – Erfahrungen

Anderssein – Erkenntnisse

Eines Tages nahm mich ein Kollege mit in eine “Schwulenbar”, wo ich die “Szene” kennen lernte, ihre Höhen und Tiefen. Man hatte mich offen an-und aufgenommen. Ich wurde verwöhnt, verhätschelt und auf Händen getragen. Ich wurde aber auch seelischer Mülleimer. Unter uns “Mädchen” war alles Thema. Wir tratschten über Liebe, Leid, Mode und Sex. Ich lernte die dunklen Seiten meiner Chefs kennen, hier waren wir ganz privat und “unter uns”. Hörte mir die Geheimnisse mancher Promis an, um sie später nicht mehr zu kennen :-), und schloss wertvolle Freundschaften. Ich gehörte irgendwann einfach dazu. Es war, mit Vorsicht gesprochen, eine sehr bunt gemischte Gemeinschaft. Sehr oberflächlich, doch, gut gefiltert, auch bereichernd.

Zwei Freundschaften wurden mir besonders wichtig, und haben sich in meine Seele eingegraben. Beide haben tiefe Wunden hinterlassen.

1. Der Grafiker

Wer sagt, es ist keine Liebe zwischen einer Hetereofrau und einem schwulen Mann möglich, der irrt. Es kommt darauf an, wie man es definiert und miteinander umgeht. Meine größte Liebe war George, Grafiker aus Hamburg. Als wir uns das erste Mal in die Augen sahen, sahen wir uns in die Tiefen unserer Seele. Für beide war es Liebe auf den ersten Blick, doch es war nicht die gleiche Liebe. Für mich hatte er alles was ich mir an einem Mann erträumte. In meiner damaligen Wahrnehmung, war er der attraktivste Mann, den ich bis dahin kennengelernt hatte. Er war nicht mehr jung, doppelt so alt wie ich, doch elegant, gepflegt, eitel und sportlich. Schon damals mochte ich Männer mit weißen längeren Haaren, grazilen Händen und schwarzen Lederklamotten. Fand Kettchen, Ringe und Ohrring einfach cool. Was mich besonders beeindruckte, er war der vollendete Gentleman. Nicht aufgesetzt und billig, sondern es kam aus tiefster Seele. Ich sah in ihm nie die Vaterfigur, doch er sah in mir ein wenig die Tochter die er nie hatte. Er las mir jeden Wunsch von den Augen ab, ich hatte nicht viele Wünsche. Verwöhnte mich wie eine Prinzessin. Zeigte mir, wie man zurecht kam in der Welt der Schönen und Reichen.

George zog nach Berlin. Hatte ich Probleme, lösten wir sie zusammen. Er zeigte mir, wie schön das Leben sein kann. Wären damals schon rosa Mädchenzimmer modern gewesen, hätte ich es ganz sicher bekommen. Mein Kind war sein Kind, dass er verwöhnen konnte, und dem er jeden Wunsch erfüllte. Auch mir erfüllte er jeden Wunsch, nur nicht den Einen, den eine liebende Frau nun einmal hat.

Anfangs denkt man, als Frau würde man nie eifersüchtig auf einen Mann werden. Ein großer Irrtum, Eifersucht fragt nicht nach dem Geschlecht. So diskret George auch mit seinen Liebschaften umging, ich spürte es, wenn ein Neuer im Spiel war. Sein Verhalten mir gegenüber veränderte sich. Er überhäufte mich noch mehr mit Aufmerksamkeiten, vermied jede Art körperlichen Kontakt, und war meist gedanklich abwesend. Ich wurde zum Menschen dritter Klasse. Es dauerte eine Weile, sich daran zu gewöhnen.

Irgendwann lernten wir über unseren Liebeskummer zu reden, was uns wieder näher zusammen brachte. Da saßen wir eng aneinander gekuschelt und tratschten über Kerle. Ja, es war herrlich. Mit welchem Mann kann man schon über Sex mit anderen Männern reden? Doch es tat uns beiden weh. Im Sommer saßen wir gerne auf Terrassen und beobachteten Menschen. Irgendwie hatten wir den gleichen Geschmack. Kam jemand vorbei der gut gefiel, wurde das tiefgründig analysiert.

›Ist das ein schicker Mantel.‹
›Wo?‹
›Da vorne, die in Schwarz, kommt direkt auf uns zu.‹
›Der mit dem weißen Seidenschal und dem Hut?‹
›Genau die.‹

Viele Jahre später erlebte ich die gleiche Szene mit einem anderen Mann noch einmal, es war für mich ein schmerzlicher Ausflug in die Vergangenheit. Es gibt Erinnerungen die man einfach nicht sucht und braucht.

Eines Tages stellte mir George die Frage aller Fragen, auf die ich schon so lange gewartet hatte. Die schönste Sache der Welt wurde zu unserer schönsten Sache der Welt. Ich erlebte alle Gipfel meiner Lust, aber auch die Hölle. Irgendwann musste ich begreifen, dass man alles teilen kann, nur nicht den Körper eines Menschen den man liebt, auch nicht mit einem Mann. Diese Erkenntnis hat tiefe Schmerzen hinterlassen. Es hat keine Bedeutung, ob es sich um einen Stino-Mann oder einen schwulen Mann handelt, mit dem man teilt, der Schmerz ist kaum zu ertragen. Man wird jedoch sehr stark sensibilisiert, was einen selber ungerecht macht. Jeder der mich vor dieser Beziehung gewarnt hat, hat recht behalten.

2. Der Polizist

Etwa zur gleichen Zeit wie George (R.I.P) hatte ich Ebi (R.I.P) kennen gelernt. Im Laufe der Zeit hatte sich ein gutes freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Wir waren beide der Kummerkasten füreinander. Irgendwann erzählte er mir, dass er die Kündigung bekommen hatte. Er war Polizist, und man hatte ihm nahe gelegt, sich einen anderen Job und eine andere Wohnung zu suchen. Das traf ihn sehr. Das System war der Meinung, als schwuler Polizist sei man angreifbar und erpressbar. Seine Dienstwohnung könne er noch für 6 Monate behalten. Im Ergebnis der Ereignisse stieg sein Alkoholkonsum erheblich an.

Da es Ebi extrem belastete alleine zu leben, zog er zu mir. Er brauchte jemanden, der ihn auffing, mit dem er reden konnte. Kein Job und Alkohol ist eine schlechte Mischung. Ebi hatte sein Coming out noch nicht lange hinter sich, er lebte noch in zwei Welten. In der einen Welt konnte er noch nicht wirklich sein, von der anderen Welt konnte er sich nicht trennen.

Zuerst einmal hatten wir damit zu tun, den Freitod von George zu verarbeiten. Plötzlich war er nicht mehr da. Er hatte sich so sehr in einen jungen attraktiven Dressmann verliebt, dass es ihn bis ins Mark traf, als er begriff, dass ihn dieser nur ausnahm und mehrgleisig fuhr. In seiner Welt fast normal, doch es schlägt in jedem Menschen tiefe Wunden. Auch wenn man Dinge instinktiv weiß, zieht man den Schleier weg, kann es tödliche Wunden hinterlassen. Wäre es nur dabei geblieben, dass der Typ ihn ausnahm, wäre es gegangen. Doch er machte George lächerlich, weil ein großer Auftrag gefloppt war, und das verkraftete er nicht. Er nahm sich tief verletzt das Leben.

Ebi wollte so nicht enden. Er suchte seinen Weg und fand ihn nicht. Zu dieser Zeit waren Schwule beliebte Opfer. Ich verbrachte mehr Zeit damit, seine Wunden zu lecken, und ihn ständig zur Rettungsstelle zu begleiten. Es gab damals noch die sogenannten Klappenhäuschen, nicht wenig lebensgefährlich. An einem solcher Tage, wo ich meinen guten Freund mal wieder in der Rettungsstelle einsammelte, bat er mich, ihm beim Alkoholentzug zu helfen. Ich nahm Urlaub, und machte eine der schwersten Wochen meines Lebens durch. Ein befreundeter Arzt leistete mir Gesellschaft, und half uns, das zu verkraften.

Nach fast 5 gemeinsamen Jahren war ich am Ende. Die ständigen Achterbahnfahrten der Gefühle, immer wieder teilen, sich Sorgen machen und Tränen trocknen, zehrte an meiner Substanz. Trotz dem Flehen meiner “Schwiegermutter” musste ich einen Schlußstrich ziehen. Viele Jahre später habe ich erfahren, dass Ebi die Trennung nie verwunden hat. Ich hatte geheiratet und lebte in Österreich. Wieder zurück in Deutschland suchte ich Ebi und fand nur sein Grab. Er war an Hepatitis B gestorben, die als geheilt galt. Was mir bis heute zu schaffen macht, sind die Tränen seiner Mutter als wir uns nach all den Jahren gegenüberstanden. Sie erzählte mir, dass Ebi nach unserer Trennung nie aufgehört hat mich zu suchen, und seine letzten Worte mein Name war, den er rief. Er bat seine Mutter mich zu finden und mir zu sagen, dass ich die größte Liebe seines Lebens war. Es hat mich tief getroffen, denn auch in meinem Herzen lebt er bis heute. Wir haben uns nur um einen Monat verpasst, wir wohnten die ganze Zeit 3 Straßen voneinander entfernt.

Fragt man mich heute, ob ich noch einmal eine derartige Beziehung eingehen würde, ist die Antwort schwer. Ich habe gelernt, dass eine gute platonische Beziehung auch Wert haben kann. Es tut kaum weh und man kann teilen. Jeder muss nach seiner Natur leben und lieben. Ein schwuler Mann der heiratet um den Schein zu wahren, sollte ehrlich mit seiner Partnerin umgehen. Unsere Gesellschaft ist noch nicht bereit genug, trotz der Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare, mit solchen Wahrheiten umzugehen. Eine Frau die irgendwann vor die Tatsache gestellt wird, mit einem schwulen, bisexuellen oder auch transsexuellen Mann zu leben, sollte sich sehr genau überlegen wie sie reagiert. Jeder Mensch hat Achtung und Respekt verdient, und kann beides auch verlangen. Es ändert sich ja nicht der Mensch an sich, nur der Stellenwert seines sexuellen Verlangens.

Es gibt wunderschöne Zeiten der Zweisamkeit, man ist sich ja irgendwie ähnlich. 🙂 Für eine Frau ist das Verhalten schwuler Männer vielfach eine starke Belastung. Launen, Exzentrik, Depressionen, Melancholie wechseln sich ab mit himmelhoch jauchzend. Vielfach kommen noch Ängste hinzu. Was ich nie konnte, die Neigung zum Alkohol tolerieren.

Ich habe in meinem Leben viele Frauen kennen gelernt, die sich in den sexuell “falschen” Mann verliebt haben. Man kann diesen Mann lieben, doch darf ihn nie begehren. Und, man muss bereit sein die Erfahrung zu akzeptieren, plötzlich keinen Stellenwert mehr zu haben. Nicht einmal in einer Freundschaft. Nach meiner Erfahrung ist die Eifersucht noch viel schmerzlicher. Jede Frau, die auf eine andere Frau eifersüchtig ist, findet Munition gegen die Nebenbuhlerin. Gegen einen anderen Mann hat man als Frau keine Waffen.

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