Schwarze Romantik

Hettys dunkles Blog

Beste Grüße, ich – cogito, ergo sum

Eine Kritik an der Kritik

 

Die Grußformel, heißt es, trifft auch eine Aussage über die persönliche Einstellung von dem der schreibt, gegenüber dem, an den er schreibt. Bisher habe ich mir nie wirklich Gedanken über derart weltbewegende Dinge gemacht. Schreibt jemand »Liebe Grüße« ist das sehr persönlich, ein guter Freund. Meinem Vermieter sende ich vorsichtshalber »Freundliche Grüße«, man möchte es sich ja nicht mit ihm versauen.

Im Geschäftsleben hingegen sendet man sich neuerdings »Beste Grüße«. Ich verstehe das als distanziert verbindlich. Es gab vielleicht Unstimmigkeiten, daher kann man nicht aus reinem Herzen freundlich sein, aber man meint es gut. Über dieses »Beste Grüße« wird momentan schrecklich viel diskutiert. Für mich ist es immer wieder ein Kopfschütteln wert, wie stark sich Menschen über eigentlich unwichtige Dinge echauffieren können.

Da mache ich doch mit, eine Kritik an der Kritik.

Dieses Wort beste, der/ die/ das Beste, ist die unregelmäßige Steigerung von gut. Niemand sagt, das ist der gutste Kuchen den ich je gegessen habe. Man sagt der beste, noch besser geht fast nicht mehr.

Von den besten Grüßen rät Coach und Etikette-Expertin Elisabeth Bonneau jedoch ab: „Die gibt es nicht, weil es ja auch keine guten Grüße gibt.“ Nun, werte Frau Expertin. Warum soll es keine guten Grüße geben? Weil es in ihren Ohren komisch klingt? Man sendet in erster Linie gut gemeinte Grüße, schreibt aber kaum jemand. Wenn es gut [gemeinte] Grüße gibt, gibt es auch beste Grüße. Gut ist das Positiv von beste.

Man achte mal auf Zungenschlag. Ich las auch, dieses beste sei in dem Zusammenhang Quatsch, weil es ja keine Steigerung zu beste mehr gäbe. Es steht schlicht »Beste Grüße«, nicht »die am besten Grüße«.  Am besten, Superlativ, 2. Steigerungsform, wäre in dem Zusammenhang dann das Ende der Fahnenstange, keiner grüßt besser. Steht da aber nicht.

»gut« einmal philosophisch betrachtet

Das Adjektiv „gut“ ist in der Form ›guot‹ im Althochdeutschen schon im 8. Jahrhundert bezeugt. Die ursprüngliche Grundbedeutung war „passend“, „geeignet“. ›Nimm eine gute Menge, nimm ein gutes Gefäß.‹ Daraus wurde dann „tauglich“, „wertvoll“, „hochwertig“. Gute Personen waren „tüchtig“, „geschickt“. In diesem Zusammenhang verwenden wir die Bezeichnung gut noch heute. Hinsichtlich des sozialen Ranges: „angesehen“, „vornehm“. Im ethischen Konsens bedeutete gut schon im Althochdeutschen „rechtschaffen“, „anständig“. Viele Eltern sagen im Brustton der Überzeugung: er ist ein guter Junge, sie ist ein gutes Mädchen und meinen anständig.

In der altgriechischen Sprache diente das Adjektiv ›ἀγαθός agathós‹ zur Bezeichnung von hervorragend, tauglich. Ein im Kampf tüchtiger Krieger war bei Homer agathos, also gut. Sein Kampf hatte eine hohe Qualität. Das Wort ›σπουδαῖος spoudaíos‹ meint tüchtig, vorzüglich, vortrefflich‘. Es wurde im selben Sinne gebraucht. Das Substantiv ›to agathón‹ bedeutete „das Gute“ wie auch „das Gut“.

Ob eine Person gut ist, erkennt man an der Qualität ihres „Schaffens“ = érgon. Wer etwas Nützliches leistet ist gut. Beides ist eng miteinander verbunden. Mit agathos und arete war ursprünglich nur die Vorstellung von Tauglichkeit, Leistungsfähigkeit, Erfolg und Nützlichkeit verbunden, nicht zwingend eine moralische Qualität.
Unter dem Einfluss der Philosophie wurde aus arete »moralische Tugend«, aus agathos »sittlich gut«. Die Nützlichkeit blieb als Nebenbedeutung, Konnotation , erhalten. Das Gute wurde in Zusammenhang mit dem Schönen gestellt. Die Verbindung beider Begriffe in einer Person entsprach dem Ideal. Die körperliche und geistige Vortrefflichkeit.

 

Die großen Denker dachten

Die Sophisten fassten gut als das auf, was allgemein als erstrebenswert galt und demjenigen, der es erlangte, Befriedigung verschaffte. Man dachte an den Erfolg, der sich in Ruhm, Macht und Reichtum zeigte.

In der lateinischen Sprache wurden die Wörter bonus »gut« und bonum »das Gute«, »das Gut« analog zu den griechischen Wörtern »agathos« und »to agathon« verwendet. Auch hier verstand man im allgemeinen Sprachgebrauch Tauglichkeit, Nützlichkeit, Tüchtigkeit. In der Philosophie war das sittlich Gute gemeint. Bei den Römern, so Cicero, verband man das Gute mit dem Ehrenhaften »honestum«.

Platon verstand unter gut das moralisch Gute, grenzte es aber nicht vom Vorteilhaften und der eigenen Glücksmehrung des Handelnden ab. Eine Pflichtethik, die Handlungen unabhängig von ihren Konsequenzen beurteilt, kannte er nicht. Platon betrachtet das Gute als das, was zu einer gelungenen Lebensführung und dem damit verbundenen Gemütszustand führt. Dass jeder Mensch in seinem Leben das Gute verwirklichen will, war für Platon selbstverständlich. Jede Seele strebe das Gute an. Das Gute wird immer begehrt. Das Gute muss vollkommen sein, ohne Mangel, denn sonst ist es nicht vollkommen.

Aristoteles betonte die Vieldeutigkeit des Wortes „gut“. Als gut könne eine Substanz, eine Qualität, eine Quantität, eine Relation, eine Zeit und ein Ort bezeichnet werden.
Er stellte fest, das Gut (oder das Gute) sei das, wonach alles strebt. Das Gute sei bei allem dasjenige, um dessentwillen alles unternommen wird, und sah das Gute rein relational als menschliches Ziel an. Für ihn musste es ein höchstes Gut als Endziel geben. Das höchste Gut wird immer und ausschließlich um seiner selbst willen erstrebt. Die Kenntnis dieses Guten sei für die Lebensführung von entscheidender Bedeutung, wonach das höchste Gut die Glückseligkeit sei. Sie wird dann erreicht, wenn der Mensch die Leistung erbringt, die für ihn aufgrund seiner menschlichen Natur charakteristisch ist. Dies geschieht, wenn er sich gemäß der Vernunft betätigt, und zwar nicht nur zeitweilig, sondern sein Leben lang. Für das Zweitbeste hielt er ein tugendhaftes Leben als Politiker. Auch Freunde waren für ihn dabei erforderlich.

Schopenhauer meinte, der Begriff des Guten sei ohne tieferen Sinn. Er besage nur, dass etwas so ist, wie der Urteilende es will. Einige Denker des 19. Jahrhunderts betrachteten das Gute als Glück »happiness«, Freude oder das Erfreuliche. Sie nannten eine Handlung gut, wenn sie zum eigenen Glück und dem anderer beitrug. William James hingegen bestritt die Existenz eines an sich Guten.

»Alles Böse ist nur das Phänomen der Hemmung des Triebs zum Guten.«

Somit haben wir mal darüber palavert, dass es sehr wohl gute Grüße gibt, gut gemeinte, und damit auch beste.

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