Hettys blaues Café

Schwarzromantik und dunkles Leben

Page: Michael de Leone

Ein bedeutender Chronist für das Hochmittelalter war der Würzburger Protonotar Michael Jud(e) von Mainz, Pseudonym Michael de Leone. Das von ihm angelegte Hausbuch ist eine Sammlung von Liedern, politischen Texten und Kochanleitungen. Heute wird das Hausbuch als Würzburger Liederhandschrift bezeichnet, da de Leone darin Texte verewigt hat, die ohne seine Aufzeichnungen wohl verloren wären. Leider ist nur der 2. Teil des Hausbuches vollständig erhalten.

Michael Jud(e) von Mainz

Wappentafel de LeoneMan geht davon aus, dass Michael Jud[e] von Mainz um 1300 in Würzburg geboren wurde. Möglich wäre auch ein anderer Geburtsort, Mainz oder Köln. Michael hatte zwei Brüder – Konrad jr., war älter und Peter war jünger. Sie blieben bei dem Geschlechternamen Jude bzw. Jude von (aus) Mainz. Der Biograph der Bischöfe von Würzburg, der Geschichtsschreiber Lorenz Fries, hinterließ die Information, Conrad Jude von Mainz, der Vater, sei mit 2 Söhnen nach Würzburg gekommen. Dies lässt zwei Interpretationen zu. Er kam nur mit Michael und Peter oder mit Konrad und Michael. Möglich ist beides, da Konrad jr. bereits sehr viel älter als seine Brüder gewesen sein muss. Fries sagt auch, Conrad Jude sei über Köln nach Würzburg gekommen. Die Auswanderung aus Mainz muss nach 1297 stattgefunden haben, da in Urkunden aus Mainz Conrad Jude bis dahin noch nachweisbar war. In Köln lebte die bedeutende Familie Jude, mit der Conrad wohl verwandt gewesen sein muss. Genaue Informationen sollen sich im ersten Teil seines Hausbuches befunden haben, dass bis heute noch als verschollen gilt.

Die Sippe Jude in Mainz hat eine lange Tradition. Die ersten Judes lassen sich bereits im 12. Jahrhundert urkundlich im Schatten der Kleriker von Mainz nachweisen. Noch immer steht die Behauptung, Michael Jude hieß nur Jude, er sei kein Jude gewesen. Das mag für Michael und eventuell auch seinen Vater stimmen, für die altvordere Sippe des Michael stimmt es nicht. Man hieß nicht Jude, wenn man keiner war. Für sich selber brach auch Michael mit dem Geschlechternamen und nannte sich nach seinem Anwesen – Löwe, vom Löwen, Leone -. Wobei die Kochbuchhistorikerin Justine Marén noch nicht ganz davon überzeugt ist, dass das alles so zufällig war. Löwen waren auch der erste Stamm der Juden, der Hauptstamm. Vielfach kann man ebenfalls lesen, M.d.L. sei ein Judenhasser gewesen. Dies ist durch nichts belegt. Er setzte sich auf jeden Fall sehr für die Juden ein, als sie von den Geisslern gejagt wurden. Als Katholik musste er auf jeden Fall den Klerus vertreten.

Über die Sippe seines Vaters Conrads ist wenig bekannt. Conrad Jude war ein Ordensritter, das ist durch verschiedene Hinweise in mittelalterlichen Urkunden belegt. Was für ein Ordensritter ist nur zu vermuten. Möglich ein Templer, wahrscheinlich aber ein Deutschordensritter. In Urkunden aus seiner Lebenszeit geht hervor, dass er auf einem Ordenshof lebte, dem Hof des Herrn von Castell, der ihn dem Orden schenkte, zumindest in der Zeit seines Zuzugs nach Würzburg bis zum Kauf des Löwenhofes. Leider finden sich hier widersprüchliche Aussagen.

Das Erbe des Michael de Leone


Michael des Leone hatte, wie sein Vater und Bruder Konrad, Recht studiert. Er absolvierte sein Studium in Bologna, wie Konrad, allerdings schloss er es als Doktor (Magister) beider Rechte ab, dem Weltlichen und dem Kirchenrecht. Die Studien seiner Söhne finanzierte Conrad sen. aus eigener Tasche, was auf ein beachtliches Vermögen hindeutet, denn die Studenten mussten im Mittelalter alles finanzieren, angefangen bei ihren Bedürfnissen und aufgehört bei den Bedürfnissen der Dozenten. Von 1328 bis zum 8.10.1348 war Michael als Advokat am Offizialat tätig und öffentlicher kaiserlicher Notar. Als bischöflicher Proto-Notar (oberster Schreiber) wurde er erstmals am 7.Juni 1336 bezeugt, noch als Michael Jude von Mainz.

Michael war ein allseits interessierter Mann. Er beschäftigte sich mit Literatur, Architektur und den Problemen seiner Zeit. Es war sein Wunsch, seinen Hoferben ein Hausbuch zu hinterlassen, indem er den Nachkommen seines Geschlechts die Geschichte seiner Zeit hinterlassen wollte. Mit den Aufzeichnungen zum Hausbuch begann er vermutlich 1346. Dies fällt zusammen mit der Entscheidung, Kanoniker im Stift Neumünster zu werden, was er nachweislich am 16. Mai 1342 wurde und der Erstellung seines Testament vom 12. 03. 1347. Das Kanonikat setzte die Trennung von allen weltlichen Gütern voraus. Einen Teil seines Eigentums vermachte er den Nachkommen seines Bruders Peter, den Rest dem Stift Neumünster.

Leone Hausbuch oder Würzburger Liederbuch


Das Hausbuch ist leider nur teilweise erhalten geblieben, und hatte eine traurige Geschichte, ganz anders als von Michael gewollt. Sein Neffe Jakob, der Sohn von Peter, hatte den Löwenhof geerbt. Er war mit der Würzburger Sippe vom Rebstock verheiratet und Angehöriger des Unteren Rates in Würzburg. Die Rebstocks waren eine große Familie und gehörten zum oberen Patriziat, mehrere Jahrzehnte stellten sie den Bürgermeister von Würzburg. Jakob nannte sich als Erbe des Hofes ebenfalls vom Löwen. Jakobs ältester Sohn hieß auch Michael vom Löwenhof und war der Erbe Jakobs. Das Jahr um 1400 läutete das Ende der Sippe vom Löwenhof ein, denn Jakob wehrte sich mit anderen Würzburgern gegen den Klerus und die Ungerechtigkeit der Zeit in der bekannten Schlacht bei Berchtheim. Am 17. Jänner ließ Bischof Gerhard die Anführer, genannt Rädelsführer, dieser Unruhen den Schultheißen Weibler, die Ritter und Bürger Jakob von dem Löwen, Seifried von Rebstock und Hanns von Erfurt vom Rathaus mit dem scharfen Rad vierteilen. Wie unschwer erkennbar, haben die Bürger die Schlacht verloren. Für die Familie vom Löwen war es eine schwarze Schlacht, denn es verlor nicht nur Jakob sein Leben, sondern seine Nachkommen auch mehr als ihren Vater. Michael jr., der Goldschmied war, musste den Hof verkaufen, da er ihn nicht mehr halten konnte. Mit dem Hof verschwand auch das Hausbuch. Hatte Michael auch gewollt, es bleibt in der Familie, so hat Michael jr. das wohl anders gewollt. Damit ist ein großer Schatz der Minne-Sammlung des Michael de Leone verloren gegangen.

Bestandteil seiner Lieder-Sammlung ist auch das fast komplette Repertoire des Spielmanns “König vom Odenwald“. Über die wahre Identität des Königs ist nicht mehr bekannt, als er mittels seiner Gedichte preis gibt. Warum er sich König nennt, ist nicht erklärbar. Es ist jedoch zu vermuten, dass er eine regionale Größe war, und die höfischen Sitten kannte. Der Umgang mit der Sprache ist intellektuell, sein Bildungsstand war hoch. Dass de Leone gerade seine Gedichte in sein Hausbuch aufgenommen hat, lässt auf eine enge Bekanntschaft schließen. Teilweise wird vermutet, der König sei der Küchenmeister von de Leone gewesen und gleichzeitig Lieferant der Kochanweisungen. Dem spricht entgegen, dass Michael in seinem Testament nur seine Aufwartefrau bedacht hat, die auch seine Küche führte.

Das Mittelalterlexikon vermutet eine Identität mit Schenk Johann II. von Erbach, Domherr zu Mainz und Würzburg, der in den 40er Jahren des 14. Jhdt. eine Reihe von Reimreden (s. SprechspruchSpruchdichtung) verfasste. Dies könnte möglich sein, da die von Erbach nahe dem Ort König im Odenwald lebten, und in Erbach im Odenwald eine Wasserburg besaßen.

 

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