Hettys blaues Café

Schwarzromantik und dunkles Leben

Edgar Allen Poe (1809 – 1849)

Edgar Allen Poe war ein Meister der Schwarzen Romantik. Das Gedicht “Der Rabe” wurde erstmals am 29. Januar 1845 in der New Yorker Zeitung Evening Mirror veröffentlicht. Es schildert in Versen den mysteriösen, mitternächtlichen Besuch eines Raben bei einem verzweifelten Jüngling, dessen Geliebte verstorben ist.

Der Ich Erzähler hört eines Nachts als er schon fast eingeschlafen ist, ein sanftes Klopfen an der Tür. Vom Tod seiner Geliebten Lenore noch immer tief betroffen, hatte er Trost in der Lektüre seltsamer Bücher gesucht, was seine gereizten Nerven weiter angespannt hat. Es war ihm unwohl als es klopfte, er sagte sich selbst, dass nur ein später Besucher kommen könne. Als er die Tür öffnet und dort niemanden sieht, wird die irrationale Hoffnung in ihm geweckt, dass das Klopfen von Lenore sein könnte. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, klopft es wieder, diesmal am Fenster. Er öffnet es und ein stattlicher Rabe fliegt durch das Fenster in den Raum und setzt sich auf die Büste  der Pallas Athene.

Der junge Mann fragt den Raben nach seinem Namen, doch dieser krächzt nur „Nimmermehr“. Er versucht zu ergründen, was er damit meinen könnte. Auf die gemurmelte Aufforderung Lenore endlich zu vergessen, antwortet der Rabe „Nimmermehr“. Er stellt dem Raben weitere Fragen, auf die der Rabe immer mit „Nimmermehr“ antwortet. Außer sich vor Kummer fordert der Jüngling den Raben auf, ihn zu verlassen, doch wie bisher sagt der Rabe “Nimmermehr” und verlässt die Büste nicht.

Der Rabe

Einst, um eine Mittnacht graulich, da ich trübe sann und traulich
müde über manchem alten Folio lang vergessner Lehr’ –
da der Schlaf schon kam gekrochen, scholl auf einmal leis ein Pochen,
gleichwie wenn ein Fingerknochen pochte, von der Türe her.
“‘s ist Besuch wohl”, murrt’ ich, “was da pocht so knöchern zu mir her –
das allein – nichts weiter mehr.”

Ah, ich kann’s genau bestimmen: im Dezember war’s, dem grimmen,
und der Kohlen matt Verglimmen schuf ein Geisterlicht so leer.
Brünstig wünscht’ ich mir den Morgen; hatt’ umsonst versucht zu borgen
von den Büchern Trost dem Sorgen, ob Lenor’ wohl selig wär’ –
ob Lenor’, die ich verloren, bei den Engeln selig wär’ –
bei den Engeln – hier nicht mehr.

Und das seidig triste Drängen in den purpurnen Behängen füllt’,
durchwühlt’ mich mit Beengen, wie ich’s nie gefühlt vorher;
also daß ich den wie tollen Herzensschlag mußt’ wiederholen:
“‘s ist Besuch nur, der ohn’ Grollen mahnt, daß Einlaß er begehr’ –
nur ein später Gast, der friedlich mahnt, daß Einlaß er begehr’; –
ja, nur das – nichts weiter mehr.”

Augenblicklich schwand mein Bangen, und so sprach ich unbefangen:
“Gleich, mein Herr – gleich, meine Dame- um Vergebung bitt’ ich sehr;
just ein Nickerchen ich machte, und Ihr Klopfen klang so sachte,
daß ich kaum davon erwachte, sachte von der Türe her –
doch nun tretet ein!” – und damit riß weit auf die Tür ich – leer!
Dunkel dort – nichts weiter mehr.

Tief ins Dunkel späht’ ich lange, zweifelnd, wieder seltsam bange,
Träume träumend, wie kein sterblich Hirn sie träumte je vorher;
doch die Stille gab kein Zeichen; nur ein Wort ließ hin sie streichen
durch die Nacht, das mich erbleichen ließ: das Wort “Lenor”
so schwer – selber sprach ich’s, und ein Echo murmelte’s zurück so schwer:
nur “Lenor’!” – nichts weiter mehr.

Da ich nun zurück mich wandte und mein Herz wie Feuer brannte,
hört’ ich abermals ein Pochen, etwas lauter denn vorher.
“Ah, gewiß”, so sprach ich bitter, “liegt’s an meinem Fenstergitter;
Schaden tat ihm das Gewitter jüngst – ja, so ich’s mir erklär’, –
schweig denn still, mein Herze, laß mich nachsehn, daß ich’s mir erklär!: –
‘s ist der Wind – nichts weiter mehr!”

Auf warf ich das Fenstergatter, als herein mit viel Geflatter
schritt ein stattlich stolzer Rabe wie aus Sagenzeiten her;
Grüßen lag ihm nicht im Sinne; keinen Blick lang hielt er inne;
mit hochherrschaftlicher Miene flog empor zur Türe er –
setzt’ sich auf die Pallas-Büste überm Türgesims dort –
er flog und saß – nichts weiter mehr.

Doch dies ebenholzne Wesen ließ mein Bangen rasch genesen,
ließ mich lächelnd ob der Miene, die es macht’ so ernst und hehr;
“Ward dir auch kein Kamm zur Gabe”, sprach ich, “so doch stolz Gehabe,
grauslich grimmer alter Rabe, Wanderer aus nächtger Sphär’ –
sag, welch hohen Namen gab man dir in Plutos nächtger Sphär’?”
Sprach der Rabe, “Nimmermehr.”

Staunend hört’ dies rauhe Klingen ich dem Schnabel sich entringen,
ob die Antwort schon nicht eben sinnvoll und bedeutungsschwer;
denn wir dürfen wohl gestehen, daß es keinem noch geschehen,
solch ein Tier bei sich zu sehen, das vom Türgesimse her –
das von einer Marmor-Büste überm Türgesimse her
sprach, es heiße “Nimmermehr.”

Doch der droben einsam ragte und dies eine Wort nur sagte,
gleich als schütte seine Seele aus in diesem Worte er,
keine Silbe sonst entriß sich seinem düstren Innern, bis ich
seufzte: “Mancher Freund verließ mich früher schon ohn’ Wiederkehr –
morgen wird er mich verlassen, wie mein Glück – ohn’ Wiederkehr.”
Doch da sprach er, “Nimmermehr!”

Einen Augenblick erblassend ob der Antwort, die so passend,
sagt’ ich, “Fraglos ist dies alles, was das Tier gelernt bisher:
‘s war bei einem Herrn in Pflege, den so tief des Schicksals Schläge
trafen, daß all seine Wege schloß dies eine Wort so schwer –
daß all seiner Hoffnung Lieder als Refrain beschloß so schwer
dies “Nimmer – nimmermehr.”

Doch was Trübes ich auch dachte, dieses Tier mich lächeln machte,
immer noch, und also rollt’ ich stracks mir einen Sessel her
und ließ die Gedanken fliehen, reihte wilde Theorien,
Phantasie an Phantasien: wie’s wohl zu verstehen wär’ –
wie dies grimme, ominöse Wesen zu verstehen wär’,
wenn es krächzte “Nimmermehr.”

Dieses zu erraten, saß ich wortlos vor dem Tier, doch fraß sich
mir sein Blick ins tiefste Innre nun, als ob er Feuer wär’;
brütend über Ungewissem legt’ ich, hin und her gerissen,
meinen Kopf aufs samtne Kissen, das ihr Haupt einst drückte hehr –
auf das violette Kissen, das ihr Haupt einst drückte hehr,
doch nun, ach! drückt nimmermehr!

Da auf einmal füllten Düfte, dünkt’ mich, weihrauchgleich die Lüfte,
und seraphner Schritte Klingen drang vom Estrich zu mir her.
“Ärmster”, rief ich, “sieh, Gott sendet seine Engel dir und spendet
Nepenthes, worinnen endet nun Lenor’s Gedächtnis schwer; –
trink das freundliche Vergessen, das bald tilgt, was in dir schwer!”
Sprach der Rabe, “Nimmermehr.”

“Ah, du prophezeist ohn’ Zweifel, Höllenbrut! Ob Tier, ob Teufel –
ob dich der Versucher sandte, ob ein Sturm dich ließ hierher,
trostlos, doch ganz ohne Bangen, in dies öde Land gelangen,
in dies Haus, von Graun umfangen, – sag’s mir ehrlich, bitt’ ich sehr –
gibt es- gibt’s in Gilead Balsam? – sag’s mir
– sag mir, bitt’ dich sehr!”
Sprach der Rabe, “Nimmermehr.”

“Ah! dann nimm den letzten Zweifel, Höllenbrut – ob Tier, ob Teufel!
Bei dem Himmel, der hoch über uns sich wölbt – bei Gottes Ehr’ –
künd mir: wird es denn geschehen, daß ich einst in Edens Höhen
darf ein Mädchen wiedersehen, selig in der Engel Heer –
darf Lenor, die ich verloren, sehen in der Engel Heer?”
Sprach der Rabe, “Nimmermehr.”

“Sei denn dies dein Abschiedszeichen!”, schrie ich.
“Unhold ohnegleichen! Hebe dich hinweg und kehre stracks zurück in Plutos Sphär’!
Keiner einz’gen Feder Schwärze bliebe hier, dem finstern Scherze Zeugnis!
Laß mit meinem Schmerze mich allein! – hinweg dich scher!
Friß nicht länger mir am Leben! Pack dich! Fort! Hinweg dich scher!”
Sprach der Rabe, “Nimmermehr.”

Und der Rabe rührt’ sich nimmer, sitzt noch immer, sitzt noch immer
auf der bleichen Pallas-Büste überm Türsims wie vorher;
und in seinen Augenhöhlen eines Dämons Träume schwelen,
und das Licht wirft seinen scheelen Schatten auf den Estrich schwer;
und es hebt sich aus dem Schatten auf dem Estrich dumpf und schwer
meine Seele – nimmermehr.

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