Hettys blaues Café

Schwarzromantik und dunkles Leben

Page: Ida von Duba

»Liebe, liebe Oda, ich darf nicht reden! Auch ist es besser für dich, wenn ich schweige.«

Dieses war die längste Rede seit langer Zeit, die Oda von ihrer stillen Gefährtin gehört hatte. Sie selbst schien vor ihrer Redseligkeit zu erschrecken. Oda’s dringendes bitten, selbst ihr glühender Unwille, brachten sie kein Wort weiter. Nicht an diesem Abend, wie auch an keinem folgenden Abend. So waren alle Gespräche die unsere Zofen hatten.

Erst lange nach dieser längsten Unterhaltung, die wir dir lieber Leser, erzählt haben, lockte Oda durch zehn geschlungene Fragen den Namen des Stammsitzes ihrer Gräfin heraus, Hohenbühl. Sie flüsterte ihn Oda bebend ins Ohr. Ihre furchtsamen Augen starrten nach der weit vor ihr gehenden Ida, die sehr aufmerksam Katharina ein Stück ihres schmerzvollen Lebens erzählen hörte. Kaum war der Name Hohenbühl über die bleichen Lippen des armen Mädchens geschlüpft, machte sie ein wütender Blick zum Bild des Schreckens. Ein Blick, den man Idas Augen gar nicht zutraute. Agnes riss sich von Odas Arm los, und floh in Richtung der kleinen Brücke, die immer die Grenze ihres Abschiedes war. Ida neigte sich tief, tiefer als je zuvor, sogar für Oda. Mit erhobenen Händen, in der bittendsten Stellung, ging sie ihrer Zofe nach. Unsere Wanderinnen standen und sahen staunend diese Szene.

Das erste was Katharina fragen konnte war: Was brachte meine Freundin so auf? Denn in der weiten Entfernung hatte sie nicht hören können, was Agnes ihrer Oda sagte. Oda nannte ihr den Namen der Stammfestung ihrer Freundin, und Katharina fing an, ein zweideutiges Geschöpf unter der Fremden zu sehen. Der letzte Zornesausbruch von Ida war zu auffallend, um dass Katharina nicht davon überzeugt war, es wäre ihr fester Vorsatz unbekannt zu bleiben. Warum das? Sie musste doch fürchten, bei dieser Erkenntnis alles zu verlieren?

»Gott weiß, wer diese eure Ida ist!« rief Oda; »Ich muss es euch gestehen, dass ich schon längst vermute, was wir nun bald genau wissen werden. Nur gut, dass keiner eurer stolzen Verwandten, keine eurer heiligen Tanten und Großtanten von diesen nächtlichen Visiten wissen. Wer weiß, wie ihre strenge Tugend darüber richten würde. Ihr habt Euch aus ihrem ehrbaren Cirkel gerissen, weil es Euch selbst dort noch zu weltlich schien. Ihr wolltet hier in Ruhe weinen und macht Bekanntschaft, sogar herzliche Freundschaft, mit einer vom Himmel gefallenen Dame. Kein Mensch kennt sie, oder will sie kennen. Sie besucht uns nur im dichten Mantel der Nacht, als wenn ihr das Tageslicht nicht zuträglich sei.«

»Aber Oda, wie kannst du so lieblos urteilen? Es ist ja das erste mal, dass sie sich gegen mich nicht ganz so zeigte, wie sie sollte. Wer weiß, was sie für Gründe hatte, so und nicht anders zu handeln. Vielleicht lebt sie irgendwo allein, ist strenger Vormundschaft entflohen, liebt unglücklich, und erwartet in der Dunkelheit einer armen Hütte die helle Zukunft. Sieh, so wäre ja selbst ihre Zurückhaltung gegen uns Tugend!  Die Arme flüchtet sich vielleicht vor meiner Strenge, was sie von meiner Freundschaft nicht gerne hört. Sie liebt mich, das sagte sie mir oft, selbst diesen Abend. Ihr gefühlvolles Auge, und ihre Liebe verschließen ihr den Mund. Oder, wie wir schon oft vermuteten, hält sie ein Gelübde zu schweigen. Du kennst ja die abenteuerlichen Meinungen so mancher Männer unserer Tage, dass wir sie wohl einem Mädchen vergeben können. Geduld Oda! Nun wissen wir ja den Namen ihrer Burg, es kann uns nicht schaden. Wir werden sie nun bald kennen, und ich hoffe, du gute Seele, wirst ihr es herzlich abbitten, sie so beurteilt zu haben.«

»Recht gern, liebes Fräulein!« erwiderte Oda. »Nur fürchte ich, leider! Das Abbitten möchte auf Idas Seite sein. Vielleicht ist sie nicht so ganz unbekannt in dieser Gegend, wie sie glaubt und wünscht. Vielleicht scheut man sich nur, Euch die Freude ihres Umgangs zu rauben. Man schweigt nur, weil wir fragen: Wer ist sie? Woher ist sie?«

»Oda, ich kenne dich zu gut, als dass du dieses alles ohne Grund sagst. Ich bitte dich, liebe, sag es mir. Was weißt du mehr als ich von Ida?«

»Meine Gebieterin, ich weiß wirklich nicht viel mehr, als Ihr. Aber dieses Wenige habe ich von einer unbefangeneren Seele als Ihr es seid. Euren Blick blendet Liebe zu der reizenden Ida, und dies macht mich dreist, so bestimmt zu sprechen.«

»Und dieses Wenige, liebe Oda,? Du schweigst? Du weißt selbst, wie sehr ich mich an Ida gefesselt fühle. Wenn sie wirklich nicht das edle Mädchen wäre. Wenn es wirklich strafbare Ursachen hätte, sich vor uns zu verbergen, was jedoch nicht auf immer möglich wäre. Ist es da nicht deine Pflicht, mein Herz, je eher, je lieber, von dem gefährlichen Mädchen loszureißen? Du weißt ja, ich habe schon so viel geweint, soll ich auch über Ida weinen! Jetzt fühl ich mich noch stark, sie zu meiden, wenn es sein muss also Oda, nicht wahr, du nennst meine Gründe wichtig genug, um zu reden?«

»Ja, ich will reden, aber mein Fräulein wird mir das gütige Versprechen geben, nichts von dem, was ich jetzt erzähle, dem alten Pater Ignazius zu sagen. Er war es, der mich zuerst aufmerksam machte. Zu Euch sagte er immer, dass er Ida nicht kenne, aber doch mit so geschraubten Worten, dass nur Eure arglose Seele nichts weiter an seiner Erklärung tadelte. Überflüssiger Wortschmuck, ich hörte mehr: Er durfte oder wollte die Wahrheit nicht sagen, und scheute sich doch zu lügen. Ich war vor wenigen Wochen nach einem Gespräch mit Euch mit ihm allein. Wie immer, sprachen Sie von dem Entzücken, welches Euch Ida’s Bekanntschaft bereitet. Ich hatte bemerkt, dass der gute Alte bei seiner Prunkrede einigemal den Kopf schüttelte, und nahm die Gelegenheit wahr, ihn zu fragen. Ob er, wie es schien, eine andere Meinung von Ida von Duba hätte, die er doch angeblich nur von dem Bild, das die wärmste Freundschaft malte, kannte. Das Ihr eben deswegen seines Beifalls gewiss sein müsstet. Er sah mich lange bedenklich an, und rief endlich nach einem tiefen Seufzer: Wollte Gott, Ihr wäret noch so einsam, wie am Anfang Eurer Herkunft! Ich denke, dieses Wesen, was Katharina so reizend schildert, wird nicht lange bleiben wie sie ist.«

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