Hettys blaues Café

Schwarzromantik und dunkles Leben

Page: Ida von Duba

»So gewiss ich meinem verängstigten Geist Frieden wünsche, und diesem müden Leib eine fröhliche Auferstehung, will ich die Wahrheit sagen. Es soll ohne Furcht sein für die, die Gewalt tragen. Ich will reden wie vor dem Stuhl der ewigen Wahrheit, Amen!

Der Graf von Duba herrschte einst über die Landschaft rings umher. So weit unser Auge reicht, wenn wir auf dem Felsen stehen, an dessen Fuß meine einsame Zelle steht, gehörte alles ihm. Er war reich. Seine Festungen standen auf allen Gebirgen. Von reich beladenen Schiffen im Osten und Norden wehten seine Flaggen. Hundert geschäftige Hände durchwühlten die Schachte, um ihr Gold für ihn ans Licht zu bringen.

Von allen die seine Erblande kannten, wurde er der reiche Graf genannt. Er war der Reichste unter den Reichen, der Vornehmste unter den Großen. Sein Geiz übertraf seinen Reichtum, sein Stolz den hohen Rang, den er bekleidete. Diese beiden Leidenschaften hatten ihn aus dem sanften Kreis der Freundschaft und Gefälligkeiten gestoßen. Sie zerschmolzen wie frischer Schnee im Strahl der hohen Sonne. Man gedachte ihrer Stärke nicht mehr, wenn man wusste, wie sehr er seine Tochter Ida liebte. Das ganze Menschengeschlecht war aus seinem Denken ausgeschlossen, denn nur Ida erfüllte sein Wesen. Er kannte kein Glück außer seiner Tochter. Um ihretwillen liebte er Rang und Gold. Ida war nicht seine einzige Tochter, nicht sein einziges Kind, denn zwei edle Söhne und Rosa, die sanfte Beterin im Klarenkloster, nannten ihn Vater! Sein Herz nannte jedoch nur Ida Tochter. Ihr gehörten seine Schätze. Nur ihr die Huldigungen seiner Untertanen. Nur für sie zersplitterte jeder Ritter, der bekannt werden wollte, seine Lanze. Nur ihre Farbe durfte siegen, ihr gehörte des Vaters stolze Werbung um Gewalt und Fürstenhut. Aber auch nur ihr gehörten des Vaters Ungerechtigkeiten und Sünden.

Ida war schön, so schön wie ein gemahlter Engel. Sie entzückte im Anschauen des Ewigen! Ihre goldenen Zöpfe waren lang und weich. Ihre großen Augen milderten mit der Freundlichkeit eines Kindes am Busen der Mutter den Herrscherblick einer Königin, für den Thron geboren. Wie Schnee auf den nie berührten Gebirgen war ihre Farbe, und selbst der Zorn verschönerte sie. Künstler kamen und gingen, denn der Einklang ihrer Glieder war für Pinsel und Meißel unerreichbar. Jede ihrer Bewegungen zeigte Hoheit. Jede kleine Bewegung war von namenlosem Reiz. War sie heiter, war Freude das Zeichen um sie her. Ein schwermütiger Zug um ihre schönen Lippen verbreitete Trauer über die Welt. Sie trug Glück und Elend in sich für den, dem sie teuer war. Ach! Der ganzen Welt war sie teuer! Ich mühe mich umsonst, das zu sagen, was Ida war, was jeder für sie empfand, die Jugend wie das Alter. Über ihrem ganzen Wesen strahlte Vollendung.

Ida war klug, wie schön! Die Feinheit des Weibes und die Stärke des Mannes waren in ihrer Seele lieblich verschmolzen. Ihre Fantasie war süß und kühn. Sie stieg mit den Helden über blutige Höhen, die noch kein Fuß betreten hatte. Ihre Rede von Freundschaft und Liebe war ein Kranz von sanft farbigen Blüten. Ihre kluge Rede war so schön, so lockend, dass der Zuhörer oft den Sinn gut und edel glaubte, weil seine Worthülse so reizend war. Der Fromme fand Andacht in ihrem Leichtsinn, der Gute herzliche Güte in ihrem Spott, Ida täuschte wen sie wollte. Laut jauchzte der stolze Vater über die allgemeine Verehrung seines Lieblings. Nichts war ihm zu teuer, sie noch höher,  immer noch höher zu erheben. Ihre sanfte Mutter trauerte, ihre Schwester weinte und Tausende, die in Ida’s Augen zu klein schienen, um sich ihretwegen zu verstellen, verfluchten die stolze Ida. Ach! Sie war falsch, treulos, boshaft, eines Teufels wert. Sie brachte ihre Brüder um die väterliche Liebe, um die väterlichen Güter mit ihrer höllischen List. Um sie wahrscheinlicher zu machen, verstrickte sie selbst ihre ehrwürdige Mutter in den Verdacht des Einverständnisses mit ihren Söhnen, edel und fromm wie ihre Mutter war, den alten Grafen zu morden. Er glaubte Ida. Und da er ihr glaubte, war es kaum Menschengüte, seine Söhne enterbt in entfernte Lande zu treiben, sein Weib als Gefangene zu halten. Diese Güte und Milde war Ida’s Werk. Nicht etwa weil sich für Brüder und Mutter eine Stimme in ihrem Gewissen und ihrem Herzen regte. Nein! Dies war bei Ida nicht möglich! Die Schlaue fürchtete bei harter Strafe eine genauere Untersuchung. So erreichte sie ihren Zweck, ohne selbst von Brüdern oder Mutter angeklagt werden zu können. Ihr Vater sank fast nieder, wenn er sich seine Ida als bittenden Engel seiner Familie dachte. Sie gewann was sie wollte, und verlor nichts.

Die Güter ihrer Brüder wurden, bis auf einen geringen Teil, zu ihrer Morgengabe geschlagen. Die Einzige die sie durchschaute, ihr vielleicht bei ihrem Vater schaden konnte, war ihre Mutter. Sie beweinte in dem einsamsten Flügel des weitläufigen Schlosses die Stunde, wo sie Ida geboren hatte. Auch der Ehrfurcht gebietende Muttername hielt die Frevlerin nicht davon ab, auch die zu kränken, der die Welt keinen Vorwurf machen konnte, außer den Ida das Leben gegeben zu haben. Ihre prunklose Tugend passte nicht in den glänzenden Zirkel, der den Grafen und seine Tochter umschloss. Ihr missbilligender Blick konnte nicht einmal von ihren Bewunderern gesehen werden, wenn er mit schmerzlicher Wehmut auf der stolzen Tochter weilte. Ida ging so weit, dass sie sich ihrer Mutter schämte. Sie sah es gern, wenn man ihr zu Gefallen glaubte, dass ihre kluge achtenswerte Mutter nicht zu allen Zeiten ihrer Sinne mächtig sei. So lange die alte Dienerschaft sie umgab, war das nicht möglich. Ein Wort von Ida, und ihr Vater verwies seine treuen Diener teils mit, teils ohne Gehalt, je nachdem ob sie sich viel oder wenig mit der Wahrheit gegen Ida vergangen hatten, aus seinem Haus. Von ihnen feierten viele den Tag, wo sie hier geboren worden waren. Ein feiges Schmeichlerheer kroch jetzt zu Ida’s Füßen, und sprach mit bedauerndem Achselzucken von der Krankheit der armen Gräfin, so wie es ihre unnatürliche Tochter wollte. Es gehörte alle Sanftmut, alle Erhabenheit der Seele dazu, welche die Dulderin besaß, um nicht wirklich das zu werden, was man sich wünschte, die Welt glauben sollte. Aber dies war mit einer Frömmigkeit verbunden, die nicht verzweifelt, wenn das Heute trübe ist. Ein lichter Blick jenseits des Grabes sah den kommenden Tag heiter, stärkte sie, und selbst in ihren schmerzlichen Tränen war sanfter Trost. Sie war, so wie es Gatte und Tochter wünschten, für all ihre Verwandten gestorben. Jeder Bote ihrer Kinder und ihrer Freunde wurde auf Irrwege geleitet. Die Antworten auf ihre Briefe waren so, dass sie endlich mit tiefer Trauer dem allgemeinen Gerücht glauben mussten, die klügste Frau auf viele Meilen umher sei wahnsinnig.

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