Hettys blaues Café

Schwarzromantik und dunkles Leben

Page: Ida von Duba

Denkt euch, liebe Leser, was sie gefühlt haben musste, als man ihr sagte, dass ihre Freunde die Gerüchte glaubten. Sie konnte ihnen nicht widersprechen! Am Anfang ihrer Leidensperiode, als sie die schwache Seele Ida’s, und die sündige Schwäche ihres Gatten für seine Tochter noch nicht so gut kannte, wagte sie einigemal die Bitte, ihr Leben in einem ihr verwandten, oder auch in einem ihr ganz fremden, Kloster zubringen zu dürfen. Die Gräfin konnte nicht in ganz Böhmen unbekannt sein! Wer sie kannte, würde bei ihren Tränen die Frage stellen: Warum flieht ihr aus dem Schoß Eurer Familie? Warum verbergt ihr euch im Schatten des Klosters, wo euer hoher Rang die glänzendsten Titel aufweist? Würden ihre Tränen dann diese Fragen nicht zur Schande ihrer nächsten Anverwandten beantworten? Die fromme Gräfin sah sich in ihrem väterlichen Erbe gefangen. Ihre Tränen suchte die Hand der Gewohnheit zu trocknen. Als sich der Morgen rötete, der Ida’s Frevel vollendete, brach ihrer Mutter das Herz.

Ein reicher Fürst warb um Ida’s Hand. Er kannte nur die Geschichten über ihr Gold und ihre Schönheit. In den fernen Landen, wo seine Güter lagen, konnte er ihr kaltes Herz nicht kennen. Der Vater gab ihm sein Ja-Wort voll Entzücken, denn seine Tochter wurde ja Fürstin. Ida war wonnetrunken, als ihr Vater den Namen des vornehmen Freiers nannte. Nicht seine Reize, nicht sein edles Herz, das kannte Ida nicht, sein Fürstenhut erhielt ihr ›Ja‹.

Die ganze Gegend schmückte sich zu den hochzeitlichen Festen. Alles was die Erscheinung der stolzen Braut verherrlichen konnte, wurde aufgeboten, um den glänzenden Tag ihrer Verlobung zu erhöhen. Juwelen schmückten die bräutlichen Gewänder, sie strahlten wie der nächtliche Himmel in einer wolkenlosen Nacht. Die hohen Geschenktische waren mit goldnen und silbernen Geschirren belastet. Die zahlreiche Dienerschaft prunkte in reichen Kleidern. Selbst einige der edlen Dirnen ließen sich erkaufen, die Reihen ihrer Sklaven zu führen, die sie zum Traualtar geleiten sollten. Nur eine war im ganzen Schloss, welche es wagte, den ungeheuren Prunk zu tadeln. Idas ehrwürdige Erzieherin der ersten Jugendtage. Sie glaubte noch nicht, dass ihr der Liebling ihres Herzens diesen Kummer bereiten würde, wie es geschah. Bei näherer Kenntnis von Ida’s Herzen, da die gute Alte mit tiefem Schmerz sah, dass alle ihre Gebete um Ida’s Besserung nicht erhört wurden, hatte sie längst schon um eine Stelle im Kloster gebeten; aber wir wissen ja, was Ida und ihr Vater für Gründe hatten, dergleichen Bitten abzuschlagen, und Frau Agnes blieb, und weil sie nicht so wichtig war als die unglückliche Gräfin, so verlebte sie ihre Tage ziemlich ruhig in einem abgelegnen Gemach des großen stolzen Gebäudes, wo so oft lärmende Freude rauschte, und hatte es fast vergessen, daß sie so glänzende Nachbarschaft hatte, als ihr Botschaft von ihrem Herrn kam, ihn mit ihrem Besuch zu erfreuen.

Die gute Matrone wußte nicht wie ihr geschähe, als ihr Fräulein Ida so gar freundlich entgegen kam, und ihrer lieben Mutter, wie sie ihre Erzieherin herablassend nannte, liebevoll die Hände drückte. Doch Frau Agnes kannte die schlaue Ida zu gut, als daß sie diese Scheingüte für mehr als was sie war hätte nehmen sollen; mißtrauisch fragte sie, welchen Dienst ihr Herr von ihr verlangte, und Ida fand es langweilig, lange für ihre alte Dienerin eine beschwerliche Maske zu tragen, die ihr hier wenig Vorteil brachte; ihr Stolz rief ihr zu: hier darfst du nur befehlen! Mit einem Ton, der es sagte, daß sie beleidigt war, daß sich Agnes unterstanden, sie für das zu halten, was sie war, tat sie ihr kund, wen sie künftig in ihr zu ehren hätte: zugleich wurde ihr befohlen, die Ehre, der hohen Braut am Verlobungstage die Schleppe zu tragen, mit gebührender Ehrfurcht anzunehmen.

Agnes würde sich gefreut haben, wenn ihr ihre Freundschaft für ihren Zögling diese Stelle angeboten hätte; ob sie wohl darauf hätte rechnen können, der fürstlichen Braut zur Seite zu gehen, denn war sie ihr nicht Mutterehre schuldig? machte nicht selbst ihr Rang (sie war eine Edle) sie dieser Stelle würdig? und nun wurde ihr befohlen, nun wurde zu ihr gesprochen wie zu der niedrigsten Dienerinnen einer. Es schmerzte der guten Alten, eine schwere Träne rollte den bleichen Wangen herab, an welchen sonst Ida’s schuldlose Kindheit oft sanft schlummerte. Aber weder ihre Seufzer noch die sie anklagende Träne bemerkte Ida, ihr stolzer Blick weilte nur auf prunkvollen Gegenständen.

Ihr Brauttag kam immer näher, mit jeder Stunde wurden die zerstreuenden Geschäfte mannichfaltiger. Ida hatte der rührenden Scene mit der guten Agnes schon längst vergessen, als man ihr meldete, daß ihre bestimmte Schleppenträgerin, denn nur als diese hatte die gute Frau Wert für die undankbare, von einem tötlichen Fieber aufs Krankenlager geworfen sei, und unmöglich der Ehre werde teilhaftig werden können, die man ihr zugedacht hätte. Ida fühlte so ganz, wie wenig Agnes diese zugedachte Ehre für Ehre gehalten hatte, daß sie an der Heftigkeit des schnellen Fiebers so lange zweifelte, bis sie mit dem Hauspfaffen Rücksprache gehalten.

Dieser unselige Mensch, dessen Gewissen jedem Käufer feil war, war oft der vertraute Ratgeber Ida’s; diese sah seine elende Denkungsart ein, und verabscheute sie, denn sie war reich, und nannte ihren Stolz, ihre Eitelkeit und alle jene unzähligen Laster edel, weil sie nur sie selbst betrafen, und nicht kaltes Geld; aber er war ihr oft behilflich, für Geld das auszuführen, was jener ihre Leidenschaften gern ausgeführt haben wollten. Jetzt war die wichtige Frage: wer soll Agnes’ Stelle, die, ehe sich der Tag neigte, nur noch Stunden zu leben hatte, ersetzen?

Der Zug ihrer übrigen Dienerinnen war geordnet, keine war zuviel, und ihr Stolz litt unaussprechlich, daß sie jetzt eine zu wenig haben sollte – und noch dazu, die vorzüglichste sollte fehlen! Das Gemälde war zu reizend, wenn die graue Würde der jugendlichen Schönheit nachtrat, als daß es Ida so leicht hätte verwischen können. Man sann hin und her sogar der alte Graf machte sich diese Sache so höchst wichtig, daß alles darüber in Bewegung kam. Wo sollte man jetzt in der nötigen Eile eine Dame finden, deren tugendhaftes Alter gleichsam dem jungen Ehemann Bürgschaft stellte, für seiner Vermählten tadellose Erziehung? jeder schickliche Vorschlag wurde verworfen, um den teuflischsten zu genehmigen.

Ida stand in Gedanken; eine glühende Röte stieg auf ihre Wangen, ihr Auge funkelte, senkte sich zur Erde, als wenn sich selbst ihr körperliches Auge für den Vorschlag ihrer Seele schämte. – Doch eben kommt der erste Bote, um die nur noch um einige Meilen weite Anwesenheit des fürstlichen Bräutigams zu verkündigen. Sie unterdrückte schnell das letzte gute menschliche Gefühl, und lispelte den verworfnen Pfaffen zu: ich wüßte wohl noch eine, die Agnes’ Stelle auf die festliche Stunde leidlich ersetzen könnte, – Vorurteil, mir von der frömmelnden Agnes an meiner Wiege gesungen, macht mich schwach genug, zu wünschen, daß Ihr, mein ehrwürdiger Freund, ihren Namen zuerst meinem Vater nennen möchtet. Ich bin von der Klugheit meines Vaters überzeugt, daß er nach dem ersten Augenblick das vernünftig nennen wird, was ihm erst unbillig scheinen könnte, zumal wenn ich es verlangte; besser ist es, er bietet mir an, und ich scheine ihm mein Ja als Gehorsam zu opfern.

Gleichgestimmte Seelen hallen einen Ton, sie verstehn sich in jeder kleinsten Wendung – oder vielmehr der Heuchler Satan im Gewand der Kirche dachte das, was Ida empfand, schon ehe ihre Gefühle sich in Worte kleideten. Ohne nur einen Augenblick zu brauchen, um zu wissen, welches Geschöpf ausersehen war, die leere Rolle zu füllen, bückte sich der elende Schmeichler, und nannte das recht und billig, was sich selbst die gottlose Ida nicht zu sagen getrauete.

In einer Stunde eilte schon der alte Graf zu Ida, und bat sie, ihrer Mutter zu erlauben, ihr die Schleppe nachzutragen.

»Aber mein Vater, denken auch alle so klug wie Ihr? sind alle, die uns sehen werden, von Vorurteil frei wie wir?« Ohne Sorge, mein Tochter! wer kennt hier die alte Frau? sie ist trübe und still, und sollte sie es wagen, laut zu werden, so heißt sie wahnsinnig, und ihr wahrer Stand bleibt ein tiefes Geheimniss; Pater Felix ist schon zu ihr, um ihr meinen Befehl zu überbringen. – Pater Felix war gegangen, der Gräfin den Willen ihrer Tochter, den Befehl ihres Mannes zu bringen. Diese Botschaft war zu unvermutet, als daß die gebeugte Frau ihren Schmerz hätte durch Klagen erleichtern können; sie drückte ihre gefalteten Hände schrecklich zusammen, in ihrem empor gerichteten Auge flammte der mütterliche Fluch; keine Träne rollte über ihre Wangen, kein Seufzer entschlüpfte ihrer wogenden Brust. Mit kalter schrecklicher Ruhe im starren Blick trat sie in langem schwarzen Gewand und fliegendem Haar an der Hand des Pfaffen in den bunten Reihen, der die schöne Braut erwartete. Jedermann wich der fremden Matrone aus. Ihr Ehrfurcht gebietender Blick, der hohe Anstand räumte ihr ungefordert die erste Stelle ein; alles zog sich mit innerlichem Schauder zurück, um der hohen Dulderin Platz zu machen, die die Sünden eines ganzen Geschlechts zu tragen schien; jeder Blick hing an dem tränenvollen Auge der Fremden. Nur Ida hatte keinen Blick für ihre Mutter, sie hatte ihren Ursprung vergessen, und hoffte, ihn hätte jedes vergessen.

Die Erscheinung der Gräfin hatte eine lange Pause verursacht. Schon sah man die ersten Boten, die den kommenden Bräutigam verkündigten, und noch schien ein wunderbares Grauen den ganzen Zug zu fesseln; aber Felix kam jetzt, dessen Gefühl für jeden Schauder vor Freude und Entsetzen unempfindlich war. Er war’s, der der alten Gräfin den Befehl ihres Herrn noch einmal zurief, und ihr Glück zu der Ehre wünschte, die sie heute genießen sollte. Die Arme sah ihn starr ohne Tränen an, aber ihr Blick machte aller Blicke zur Erde sinkend, – nur Felix und Ida sahen ruhig umher, und der erste gab der Mutter die Schleppe der Tochter in ihre kalte bebende Hand.

Still von dem Gefühl der Mutter! Still von dem teuflischen Triumph der unnatürlichen Tochter! Als der Zug begann, zog ein schweres Gewitter von Osten herauf und verhüllte den Tag! Fürchterlich brüllte der Donner, siebenfach schleuderte ihn das Echo der bebenden Felsen an das Ohr der zitternden Hochzeiter zurück. Ein Sturm, wild und schrecklich wie ihn die Gegend noch nie geschüttelt hatte, zerriss die schwarzen Wolken und zerbrach die Bäume. Er wirbelte alles mit einem erstickendem Staub auf. Jagte alles in namenloser Furcht vor sich her. Die fliegenden Fahnen des Brautzugs waren schon längst sein Raub geworden. Die Schleier der Jungfrauen wogten von den Wipfeln der Eichen. Die Alten keuchten am Boden, und Idas Brautkranz, trotz der Juwelenschwere, flatterte der nahen Kapelle an der Kirchmauer zu, in der sie als Fürstin getraut werden sollte. Sie war voll Wut, dass sie den Elementen nicht gebieten konnte, wie auch ihren Dienern nicht. Von dem allgemeinen Schauder des nahen Untergangs ergriffen, der sich ahnungsvoll über alle Wesen ergoss, stand Ida, und Ihre Zähne schlugen mit inneren Verwünschungen zusammen. Auf einmal schien die ganze Gegend in dem blauen Licht eines Blitzes zu zerschmelzen. Sein feuriger Strahl fuhr herab. Als sich der alte Graf von der gewaltigen Betäubung, die viele Stunden lang die Bemühungen seiner Freunde vereitelte, erholt hatte, zeigte man ihm den zerschmetterten Leichnam seiner Tochter. Er sank zurück in kalte Gefühllosigkeit. Erwachte mit neuem Schrecken, der ihn in die Arme des Todes zu werfen schien, und erwachte wieder, um grenzenloses Leid zu tragen bis an seinen Tod.

Ida war das einzige Wesen, an welchem sein Herz hing; mit Ida wurde sein Stolz, seine Liebe zum Leben begraben, – er behing diese Leiche seines Alles mit allem was ihm teuer, oder vielmehr er behing die Leiche mit allem, was ihm eigentlich um Ida’s Willen teuer gewesen war; gestorben war sein Stolz, sein Geiz, seine Prachtliebe, alles dieses besaß er nur noch, um ihr Grab zu schmücken. Er ließ vor ewigen Zeiten die reiche Gruft bei der Marien-Capelle bauen, und die berufnen Künstler aus fernen Landen bemühten sich, das stolze Verlangen des untröstlichen Vaters, Ida zu Ehren für Jahrhunderte zu erfüllen.

Zwölf Tage stand Ida’s Leiche zur Schau für Spötter und Neider. Sie lag da in ihrem reichen Brautkleid, ihre Haare durchflochten von Juwelen. Ihre Hände und ihr Hals waren von reinsten Perlen umwunden. Die Armen seufzten nicht über den Verlust der jungen Verstorbenen, nicht über den Schmerz des grauen Vaters, der an ihrem Sarg verzweifelte. Ach! riefen sie, eine der köstlichen Spangen könnte uns und unsere Kinder beglücken, und das kalte Grab soll das in seinen Abgrund reißen, was auch von unserm Schweiß und Tränen so bunte Farben spielt! – War es der Stolzen, riefen ihre Gespielinnen, nicht genug, uns im Leben durch ihre beispiellose Pracht in allen Kreisen zu verdrängen, glaubt sie die Verwesung selbst neidisch zu machen? – Ihre ehemaligen Buhler schlichen sich fort, denn ihr zerschlagener und entstellter Körper trug nicht mehr das Bild ihrer eitlen Anbetung. Freunde hatte sie nicht, denn selbst die Träne ihrer Mutter floß nicht auf ihrer Leiche; bezahlte Gebete murmelten die geistlichen Lippen, von welchen das Herz nichts wußte, und die schlechtesten der Mietlinge wachten an ihrem köstlichen Sarg, und selbst diese flohen nach der ersten Nacht, und warfen das Gold, das sie lohnte, weit von sich, – es kamen andre, und machten es eben so, denen wieder andre folgten, so daß man endlich doch sich entschließen mußte, dem alten Grafen begreiflich zu machen, daß ein längerer Aufenthalt unter den Lebendigen die geliebte Leiche vielleicht noch dahin bringen könnte, daß man ihr ein Grab in geweihter Erde mit Recht versagte. Ein namenloses Etwas, ein grauenvolles Gemisch von kaltem Schreck, banger Furcht und Entsetzen hielt sich um Ida’s Sarg auf, und verjagte ihre Wächter, so geldgeitzig sie auch der alte Vater wählte. Schon einige Mal riefen die Wächter: sie lebt! sie lebt! aber es war nicht der Ton der Freude. Auch selbst ihr Vater bebte bei diesem Geschrei: denn Ida’s Herz stand ja in demselben Augenblick, als man ihr Erwachen rief, auf seinem Betpulte, und der erschütternde schreckliche Augenblick, wo ihr zerschmetterter Leichnam vor seinen Füßen lag, stand mit allen gräßlichen Gefühlen vor ihm da. Er wankte bebend in den schwarz ausgeschlagenen Saal, und wagte es kaum, nach dem Sarg zu blicken, weil er ein namenloses Etwas zu fühlen anfing, das ihm noch schrecklicher als Ida’s Verlust war. Die Leiche lag noch da in ihrer traurigen Pracht, und der Graf ermannte sich, das Traum zu nennen, welchem sein inneres Gefühl einen andern Namen gab. Aber die bleichen Diener erzählten den ersten Tag wie am letzten, den sie durchlebten, daß ihr Fräulein, ob sie gleich ihr Herz in ihres Herrn Betzimmer wüßten, ängstlich Odem geholt, gräßliche Töne innerer Qual hören lassen – daß sie am andern Morgen jederzeit anders gelegen, als in der ruhigen Lage, wie man eine Leiche zu legen pflegte – ja daß sie sich endlich gar in der letzten schrecklichen Nacht, als ihre Kammerfrauen sichs zugeflüstert hätten, daß jene unbekannte Matrone, jene ehrwürdige Schleppenträgerin an dem unglücklichen Brauttage, die gekommen und verschwunden sei, ohne daß man wisse woher und wohin – gar die Mutter der Verstorbenen gewesen sein sollte, wie die Sage unter den ältesten der Untertanen ihres Herrn ging; und daß wenn diese Sage Wahrheit sei, die Vorgänge dieser Tage sehr natürlich, und Gott gerecht wären, der der armen Seele gnädig sein möchte, wie ja die fromme Matrone es selbst gebeten hätte, als man sie das letztemal bei Ida’s Leiche gesehen, – sich zu ihrer aller Entsetzen die Leiche schnell aufgerichtet, als wenn sie von unsichtbaren Händen gewaltsam empor gerissen worden. Ihre langen Haare drehten sich um ihr blasses Gesicht im Winkel – ihre leblosen Augen starrten auf, – ihre Hände schlugen sich krampfhaft zusammen, und Wehe! Wehe! welches das innerste Mark erschütterte, rief ihr bebender Mund. Ein blaues Licht, welches die bleichen Gesichter der bis zum Tode erschrockenen Diener noch schrecklicher bleichte, flammte um den Sarg, und schlängelte sich von ihm bis zum Eingang, und ein pestartiger Rauch umzog sich wie Gewitterwolken bis an das Gewölbe des Saales. – Den Abend nach dieser Erscheinung wurden alle Glocken geläutet, um Ida’s Beisetzung in der reichen Kapelle zu feiern. Am Eingang derselben wurde auf Befehl ihres Vaters der Sarg noch einmahl vor allem Volk, was in zahlloser Menge sich versammelt hatte, geöffnet, um die üblen Sagen zu mildern, die sich unter den Leuten viele Meilen umher verbreitet hatten; aber der goldne Deckel flog schnell wieder nieder – denn Ida’s Gesicht zeigte die Qual der Verdammten. Mit kaltem Schauder floh alles von dem Grabe und betete: Laß unser Ende nicht sein wie das Ende dieser!

Ich lag auf meinem einsamen Lager, und hatte Gedanken des Wandels aller Dinge hienieden, und mein Gebet um Wahrheit des Rechts und Unrechts war heiß; da tönte Mitternacht vom grauen Turm unseres Klosters; nie erschütterte mich dieser Ruf der ernsten Stunde so wie jetzt! Ein leiser fröstelnder Schauder floh über mich hin, wie die kalte Hand des Todes! Sturm erhob sich fürchterlich, trillte die Fähnleins, schüttelte die hohen Bäume, schlug ihre ängstlich rauschende Zweige an die Fenster meiner Zelle, und kräuselte das rasselnde Laub um die Gräber am Fuße unsrer Mauern. Ich hatte oft Sturm gehört – er hatte schon in meinen Locken gewühlt, wie jetzt in Bäumen und dürren Blättern, ich war auch alsdann allein auf meinem Lager wie jetzt; aber die tausendfachen Schrecken fühlte ich nur in dieser entsetzlichen Nacht! Plötzlich flogen die Thüren meiner Zelle ächzend auf; ein Licht wie Schwefel umgaukelte jeden Gegenstand meines Gemachs; nur mein kleiner Altar stand dunkel – da säuselte es wie ängstliches Gestöhne zu mir herauf, da wirbelte der Sturm stärker – da flatterte die Schwefelflamme höher, und Ida, schrecklich in das blaue Licht verhüllt, stand mit gräßlicher Gestalt vor meinen starren Augen. Wehe! Wehe! rief sie mit einem Tone, der jedes Ohr von Fleisch verschonen möge – mir schüttelte er mein Mark in den Gebeinen: »Ich bin gerichtet! rastlose Wanderung, bis ich eine finde, boshafter und stolzer als ich. Setze auf, Alter! meine Geschichte, schreib nach der reinsten Wahrheit! Ich muß dir es heißen, es ist die erste Stunde meiner Demut! Wehe! wehe! mein geistiges Auge erreicht nicht ihr Ende!«

Als ich mich wieder fand in dieser Hülle von Staub, dämmerte ein stiller Morgen vom Hügel, und ich befolgte den Befehl der armen Sünderin, raffte mich auf von meinem Lager, und schrieb, wie die Wahrheit wollte, ihre Geschichte. Jeden Abend umzischte mich das blaue Feuer, welches mir damals in jener schrecklichen Nacht ihr Dasein kund tat, und einige Mal erhob sich auch ihre bleiche Gestalt, wie in Spinngewebe verhüllt, aus den Flammen, als ich auf Ausdrücke sann, die ihr Verbrechen mildern könnten – ich verstand ihre bittende Miene, und ließ strenge Wahrheit reden. Seit der Vollendung dieser Schrift, welche ich dem Claren-Kloster bestimmte, welches die reichen Spenden von Idas Vater genießt, sah ich Idas Schatten nicht wieder. Nur den Befehl flüsterte sie mir in einer stürmenden Nacht von schwebenden Träumen umgaukelt, zu: Jeder, und jedem, den irgend ein Zufall dazu veranlasse, nach ihr zu fragen, in diesem oder kommenden Jahrhunderten, dieses ihr Leben zur heißen Warnung für Frevlerinnen, die es vergessen wollen, dass sie ihren Müttern die tiefste Ehrfurcht schuldig sind, mitzuteilen. Ich habe getan was recht ist, und bete zu dem strengen Richter: Vergib der Büßenden! schwer ist ihr Leiden! – Frommer Leser, fromme Leserin! bete für die modernden Gebeine im reichen Grab, dass die arme gequälte Seele endlich Ruhe findet, Amen!

Views All Time
Views All Time
461
Views Today
Views Today
3

Leave a Reply

Bookshelf 2.0 developed by revood.com

 

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen