Hettys blaues Café

Schwarzromantik und dunkles Leben

Page: Ida von Duba

Wenige Meilen von Prag, in einer stillen, waldigen Gegend am Ufer der Moldau, lag ein kleines Landhaus. In den glücklichen Tagen unserer Katharina hatte sie es selten besucht. Nach dem Tod einer alten freudenlosen Tante war es ihr zugefallen, weil das gute mitleidige Mädchen oft Monate ihrer jugendlichen Tage damit verschwendet hatte, die grämlichen Tage der alten Kranken zu erheitern. Kaum wusste Katharina sie im Schoß der ruhigen Erde, übergab sie ihr kleines Eigentum dem erstbesten Pächter, und eilte weg von dem Ort, der ihr von nichts als tiefer unangenehmer Stille und Langeweile sprach. Ach! Sie wusste zu dieser Zeit noch nicht, dass ihr einmal so elend ums Herz sein würde, dass ihr von der ganzen lachenden Welt nicht mehr übrig bleiben sollte, als dieser öde Winkel. Hier durfte sie ungestört weinen. Hier, da war sie gewiss, kommt kein Glücklicher hin, hier spricht niemand von einer lächelnden Zeit.  Ihre Tage gingen ziemlich ruhig dahin, die Szenen der Natur wurden ihr sanfter Tröster. Ihre Harfe, ihre Bücher, Besuche in der nahen Kapelle, und die wenigen Briefe, welche sie ihren Freunden beantwortete, füllten ihre Stunden.

Wurde es ihr zu eng in den alten Mauern, nahm sie ihren Schleier, und machte oft stundenlange Spaziergänge. Sie versuchte ihren Schmerz durch Müdigkeit abzustumpfen. In diesem Mittel fand sie fast immer Heilung.  Die Wolken zogen vorüber, lichte Sterne kündigten ihr die Heimat ihres Liebsten an. Die Moldau wallte Wellen auf Wellen, und sie fühlte, auch ihre Tage gehen schnell vorüber! Die Blumen welkten, um jungen Knospen Platz zu machen, und sie rief sich zu, wir werden auferstehen in junger Schönheit! Selten kam Katharina ungetröstet zurück von ihren Wallfahrten. Nach einigen Monaten trug ihr Schmerz das milde Gewand einer sanften Schwermut, einer lieben Sehnsucht, die nicht ohne Hoffnung weinte.

Die herbstliche Sonne machte schon kurze Tagereisen, und Katharinas Einsamkeit wurde durch nichts unterbrochen. Zuweilen machte sie einen Besuch in benachbarten Frauenklöstern, wo sie ihre Andacht pflegte. Mal besuchte sie Verwandte, die diese Besuche zur Pflicht einforderten, weil sie glaubten, ihre Schwermut durch heilige Gespräche zerstreuen zu müssen. Doch auch ihr Herz hatte einigen Anteil daran. In dem alten berühmten Klarenkloster, von dem wir nur noch die Stätte nennen können, lebte eine schon betagte Nonne, Walburgis von Hartig, die Tante unserer Einsiedlerin. Ein mitfühlendes Weib, edel und gut, ganz zur Trösterin für Leidende geschaffen.  Katharine weinte gern an ihrem Busen, denn auch Walburgis hatte der Liebe heiße Tränen gezollt. Auch für sie war das Grab ihres Bräutigams die Scheidewand zwischen ihr und der Welt geworden. Menschen, die nach dem gewöhnlichen Ton zu trösten suchten, dabei in diesem Trost noch ihre eigennützigen Absichten befriedigen wollten, brachten sie in den Stunden gänzlicher Bewusstlosigkeit ins Kloster. Als sie wieder genug Stärke fühlte um einen Entschluss zu fassen, wie Katharina, war es zu spät. Gewohnheit und das nahende Alter machten ihr jetzt das Kloster angenehm. Nur Katharinens Bitte, sie zuweilen besuchen zu dürfen, hatte sie bewogen, die Erlaubnis ihrer Oberin anzunehmen, ihre schöne Muhme zuweilen auch außerhalb des Klosters zu sehn.  In diesen Tagen machte sie ihre Spaziergänge nicht so oft, als wenn sie allein war. Walburgis schien an den stillen dunkeln Waldungen, an dem einsamen Uferweg wenig oder gar keinen Geschmack zu finden. Schnell eilte sie ängstlich dem Haus zu, sobald die Dämmerung die Gegend nach Katharinas Gefühl erst traulich und anziehend werden ließ. Selbst Mondnächte, die lieblichsten für süße Schwermut, konnte sie in Walburgis’ Gesellschaft nur von dem hohen Altan genießen. Katharine schrieb diese scheue Bangigkeit, mit der ihre Freundin nach dem geselligen Hause eilte, klösterlicher Furchtsamkeit zu, und versicherte ihr oft, dass hier seit Menschen Besinnen keine Räuber gesehen, und dass die übrige Männerwelt für diese Stille verbannt wäre.  Walburgis fragte sie mehr als einmahl mit ängstlichen Blicken, die bei jedem Geräusch umher irrten, ob sie sich wirklich so ganz allein in dieser Gegend glaubte? ob sie keine Spur von Nachbarschaft hätte? »Keine, liebe Tante!« erwiderte Katharina. – »Du kennst ja so gut wie ich die wenigen Klöster und die wenigen Bewohner. Diese ausgenommen, besucht kein Wesen außer mir diese tiefe Stille – es müssten denn die Geister derer sein, die sie einstens, wie ich, zum Schauplatz ihrer Tränen machten.«

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