Hettys blaues Café

Schwarzromantik und dunkles Leben

Page: Ida von Duba

Die immer rauher werdende Witterung hielt Katharina nicht davon ab, noch vor dem eintretenden Winter den Grundstein mit tränenvoller Andacht zu legen. Geld und guter Wille macht alles möglich. Katharina konnte hoffen, schon am Vorweihnachtsabend ihr erstes Tränenopfer bei der teuren Urne zu bringen. Dies war der Jahrestag ihres unersetzlichen Verlustes, und wurde von ihr immer einsam gefeiert.  Einfach und edel wie ihr Gefühl, war das Denkmal ihrer Liebe. Ein Hügel, den tausend süß duftende Blumen bedeckten. Überschattet von den hohen Schauder erregenden Eichen, die sich durch ihre Hand  nun mit hängenden Trauerweiden und immer grünen Tannen vermischten. Ein Bild ihrer Hoffnung umschloss die heilige Stille. Kein Geräusch unterbrach ihr Gebet, außer dem ernsten Wogen der Moldau.  Den Hügel zierte eine Urne von schwarzem Marmor. Im Arm der Hoffnung lag der Genius des Todes, dem Katharina die sanften schönen Züge ihres Liebsten hatte geben lassen. Ein Blick der lächelnden Hoffnung in das Gewölk des Himmels, das war, was Katharina dachte, und ihr den Weg der einsamen Gänge des Lebens ebnete. Diese bittersüße Beschäftigung nahm ihr manche Stunde, denn bei jedem Baum der gepflanzt wurde, bei jedem Rasenstück, das den Hügel wölbte, musste sie ja ihre Hand anlegen. Hier ging sie in den milden Tagen durch Wind und Schnee, um ihr Gebet zu halten. Waren die Werkleute in der Nähe, so geschah dies in der nahen Marien-Kapelle, denn Katharina wollte nicht gestört sein. Sie ging nicht zum Beten, weil sie beten musste. Es eine feine äußerliche Gestik war, sich mit gefalteten Händen und frommen Augenaufschlag zu präsentieren, dass einen die Leute sahen und darüber sprachen: Siehe da, eine fromme Jungfrau! Sie betete aus wahrem Herzen, das sich glücklicher fühlte, wenn sie es Gott an heiliger Stätte sagen konnte, dass sie sein Kind sei. Auch hier in der fast zerstörten Marien-Kapelle hatte sie Augenblicke, die sie nicht dem Gebet weihte. Andere Betrachtungen führten ihre Fantasie vor ihre Seele. Gedanken der Vergangenheit wurden hier lebhafter, und das Bewusstsein der Ruhe um die modernden Gebeine, die hier schliefen. Das Gefühl, auch die weinen längst nicht mehr, deren Tränen um diese Toten flossen. Diese Gedanken führten auch ihr den Tag, den gewissen endlichen Tag, wo auch sie keinen Verstorbenen mehr betrauern würde, vor den Blick ihres Geistes.

Die kleine Kirche von der hier die Rede ist, lag nahe am Wald, und wurde nur sehr selten besucht. Sie gehörte der alten böhmischen Familie Berka von Duba, deren Stammhaus eine Stunde weit entfernt lag, hinter dem Wald. Es wurde jetzt schon seit fünfzig Jahren nur von Beamten bewohnt. Für den Unterhalt wurde weniger als für diese Kapelle verwendet, die das Familienbegräbnis der Berka von Duba in sich barg.  Katharina, die gern unter den Trümmern der Vorzeit ging, war gelehrt genug, alte Inschriften zu entziffern. Sie las viele Namen. Manchmal schimmerte ein mitleidiges Lächeln durch ihre Tränen, insbesondere dann, wenn ihr die hochtönenden Titel sagten, wie die bleiche Asche einst genannt wurde, die diese oder jene halb verfallene Gruft umschloss. Ein einzeln stehender Schwibbogen an der linken Seite, dessen fester, künstlicher ineinander greifender Stein fast noch unversehrt war, reizte Katharinas Neugier mehr als die anderen Gewölbe. Nicht seiner Verzierung wegen, denn er war total überladen. Auf allen möglichen Stellen war das gräfliche Wappen angebracht, Engel weinten und hüllten sich in Flor. Es war recht pedantisch dafür gesorgt worden, dass kein Schnörkel des stolzen Wappens, der prahlenden Inschriften, verdeckt wurde. Diese Inschriften, viele bereits von der Witterung verwischt, sagten dem Betrachter, dass hier ein Urbild der Schönheit schliefe. Der Stolz der ganzen Landschaft. Es war der Wunsch der Ritterschaft, dass die reichste Erbin, Braut eines Fürsten, im Arm des Todes schliefe, der dem Leben seinen schönsten Reiz geraubt hatte. Er sollte die Verwesung reizender als das Leben selbst machen.  Fürstenhüte, Diademe und trauernde Genien des Talents, der Jugend und Größe, umkränzten diese Schmeicheleien. Die Hand der Unsterblichkeit hielt die Tafel, die den stolzen Namen Ida von Duba trug.

Katharina, die für schlichte Schönheit sehr viel übrig hatte, würde sich bei diesem Grab weniger lange aufgehalten haben, wenn sie nicht der reine Anblick oft dorthin gezogen hätte. Wer mag wohl diese Posamenten der Toten auf den kalten Marmor gemeißelt haben? Da war keiner und keine genannt. Niemand der weinte, keine Klage liebender Eltern, kein Name eines trauernden Geliebten oder verlassener Freunde. Die Gruft war nur für eine Leiche gebaut. Wenn dies auch nicht die Bauart verriet, so zeigte ein lateinischer Vers an der Kuppel, dass sich die Verstorbene durch ein namhaftes Kapital das Recht erkauft hätte, hier ewig allein zu liegen.

Katharina wandte sich unwillig von dem Denkmal des Hochmuts ab, der Schlafstätte der jungen Menschenhasserin. Doch hatte diese Gruft für sie so viel Anziehungskraft, dass sie, obwohl sie sich immer wieder vornahm das prahlende Grab nicht mehr zu besuchen, beim nächsten Besuch in der Kapelle wieder an seiner Marmorpforte stand. Sie kannte die ganze Sippe Duba: Marie, Gräfin von Duba, die unglückliche Mutter! Katharinas neueste Betrachtungsweise: unglücklichste Mutter! So dachte sie mit einem Seitenblick auf Idas Gruft. Kein Wort ihrer Trauer über den Tod der Tochter, die, wie diese Steine erzählten, die ganze Welt beweinte. Doch, wie konnte sie das? Die Jahreszahl nannte einen viel früheren Todeszeitpunkt, als dieses Grab seinen Schmuck erhalten haben konnte. Unglücklichste Mutter! Ihre geliebten Kinder gingen ihr voran ins Land der Ruhe, sie verließ nur kalte Herzen. Diese Zeilen, welche halb zerbrochen eine Säule umwanden, die die einzige Zierde dieses Grabes war, gaben Katharinas Neugier neuen Stoff, mehr von dieser Familie zu erfahren. Doch die eingestürzten Grüfte, Trümmer der Monumente die nicht von so teurem Stein waren, wie die drei näher liegenden Gräber von Vater, Mutter und Tochter, ließen sie nur noch so viel wissen, dass die Bewohnerin der prächtigen Gruft noch einige Schwestern und Brüder hatte, die alle vor ihrer Mutter gestorben waren. Dieser Mutter Name hatte mit einigen rührenden Worten Abschied von den Kindern genommen. Noch einige Trümmer mit halben und einzelnen Worten gaben unserer Forscherin die Vermutung, dass die Mutter, eine geborene von Mersi, zwei Männer gehabt hatte, die beide Grafen von Duba waren. Mit dem letzten war nur Ida gezeugt worden, als die übrigen hier liegenden Grafen und Gräfinnen schon erwachsen waren.

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