Hettys blaues Café

Schwarzromantik und dunkles Leben

Page: Ida von Duba

Katharina erkundigte sich oft in den Stunden, in denen sie sich weniger mit ihrem Herzen beschäftigte, nach der dort ruhenden Familie. Doch alles, was sie und Oda erfahren konnten, war kaum mehr, als sie schon wussten. Die einfältigen Dorfbewohner hatten sich bereits vor vielen Jahren eine andere Kapelle für ihre Andacht gewählt, und ihnen war die einst so reiche Marien-Kapelle ganz fremd geworden. Die Klöster welche Katharina manchmal besuchte, schienen eben so wenig davon zu wissen. Es war, als wenn alle Klosterfrauen die Katharina über die ihr interessant gewordene Kirche fragte, absichtlich, so wie Walburgis, das Gespräch abbrachen. Alles was Katharina durch mehrmals angeknüpfte Gespräche erfahren konnte war, dass die Einkünfte dieser kleinen Kirche fast alle von der hier ruhenden Familie kamen. Schon seit vielen Jahren wurden diese Einkünfte dem neu erbauten Claren-Kloster zugewendet, wo sich jetzt auch das gräfliche Begräbnis befand. Die Grüfte waren zugemauert worden. Man hätte das Ganze vielleicht schon niedergerissen, wenn nicht eine ewige Stiftung, die keine Macht lösen konnte, die Chor-Herren des Franziskaner-Klosters vom Berge verpflichtet hätte, am ersten Osterfeiertag Messe an dem reichen Grab zu halten.

»Eben dieses reiche Grab ist es«, fiel Katharina der erzählenden Nonne ins Wort. »zu welchem mich mein Geist führt, dass meine Wissbegierde reizt. Warum wurde dieses Fräulein so prächtig begraben? Warum mit dem wunderbaren Recht, hier bis zum letzten Tag der Welt allein liegen zu dürfen? Oh ehrwürdige Frau, Ihr würdet mich sehr erfreuen, wenn Ihr mir nähere Auskunft geben könntet. Dieses Grab ist mir zuwider. Es sucht sich selbst in der Verwesung noch einen abgeschmackten Stempel des Vorzugs aufzudrücken, der so widerlich ist, wie die Schminke an einer Leiche. Und doch hat es ein unheimliches Interesse für meine Forschungsbegierde.«

Die Nonne schwieg mit dem gewöhnlichen bedenklichen Blick, den alle bei dieser oft wiederholten Frage hatten, und meinte, die Geheimnisse der Toten wären oft nur unter Gefahr zu verraten. Auch wenn sie etwas wüsste, sie würde und dürfte hier nicht reden. Außerdem würde es ohnehin nicht helfen. Also die gewöhnliche Ausrede. Das Gespräch nahm die typische Wendung, wie immer. Die Nonne fragte noch einmal, ob Katharina wirklich nichts wisse? Um welche Zeit sie diese öde Gegend immer besuchen würde, und endlich kam der Rat, doch lieber in einer mehr besuchten Kapelle zu beten. Hier, wo uns Tod und Verwesung so grässlich begegneten, dass man seine Nähe nicht wünschen könnte, sei kein guter Ort, aber das obliege jedem Christen selber. Alles was Katharina durch ähnliche Fragen erfahren konnte, waren einzelne Bruchstücke von Histörchen. So, dass jenes Fräulein, die Bewohnerin des sogenannten reichen Grabes, so reich und stolz gewesen wäre, dass sie sich mit vollem Schmuck hatte beerdigen lassen. Dass sie die Gruft von Rom aus gekauft hätte, dass selbst ihr Staub noch mit den Edelsteinen vermischt sein dürfte. Ein Bann und eine undurchdringliche Wache von mächtigen Geistern hielt jeden Räuber zurück, sich der hier liegenden Schätze zu bemächtigen. Seit undenklichen Jahren wären nur zwei Frevler so kühn gewesen, es sich zu wagen, hier zu stehlen. Sie wären am anderen Morgen gelähmt an der Pforte gefunden worden, und hätten kaum noch so lange gelebt, ihren Vorsatz zu beichten.

Die nun doch noch aufgeklärte Katharina lächelte zu den Künsten der sich der Toten versichernden Priester. Sie war der Meinung, dass auf jeden Fall die Gruft mehr zudecken möchte, als eine wunderliche Tote. Es war ja schon öfter geschehen, dass von Geistern bewachte Türen, wie die Sage erzählte und die Priester eifrig verbreiteten, zu Gemächern führten, die Geheimnisse verschlossen, die die armen geängstigten Laien nicht sehen sollten.

Diese Vermutungen wurden in Katharinas Seele so lebendig, so wahrscheinlich, dass sie wenigstens die nächtlichen Besuche bei den Gräbern einstellte. Sie befürchtete, dass ihre Besuche, die bereits von den Klöstern sträfliche Kühnheit genannt wurden, den Herren, die Bann und Geister riefen, verdächtig vorkamen. Sie vielleicht auf diese oder jene Art verscheuchen würden, was ja für die armen Landleute auf Rechnung der Geister leicht geschehen könnte. Außerdem war ihr Denkmal der Liebe vollendet. Die Werkleute hatten es verlassen, die sanfteste Stille umgab ihr Heiligtum der Tränen wieder. Fast täglich ging sie dorthin durch Schnee und Wind. Als die ersten Halme das Auferstehen des Frühlings verkündeten, wurde über den Hügel, als ein Opfer der ewigen Hoffnung des baldigen Wiedersehens, nie verblühendes Grün gestreut. Die Moldau wogte sanfter, der Wind fuhr milder über die Gebirge, die Bäume keimten, die Wege kleideten sich in Grün, und Blumen blühten am Hügel. Der Rasensitz unter den hohen Bäumen wurde weicher. Katharina schenkte der auflebenden Natur einen süßeren Gruß schwermütiger Gefühle. Alles kam wieder. Die immer wärmer scheinende Sonne rief jeden Keim aus seinem Grabe,  ihre Liebe schlief in den eisernen Fesseln des Todes. Diese Sonne konnte sie nicht schmelzen.

Views All Time
Views All Time
1177
Views Today
Views Today
4

Leave a Reply

Bookshelf 2.0 developed by revood.com

 

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen