Hettys blaues Café

Schwarzromantik und dunkles Leben

Page: Ida von Duba

Ein unbekannter und grauenvoller Weg durch den Ort der Verwesung brachte sie ans gegenseitige Ufer, wo die treue Liebe ihr die Hand zum ewigen Bund reichte. Süße Schwermut umwehte die schönen Tage des kommenden Maies.  Das Osterfest war die einzige Zeit, wo es wegen der Messe in der Marienkapelle lebhaft wurde. Katharina trug keine Blumen der Andacht zum reichen Grab. Sie beschloss, ihre Osterfeier an der von Lichtens Urne zu halten. Ihre stets reiche Fantasie hatte sie sich in der Nacht der Auferstehung unter dem prachtvollen Himmel als Kirchenfeier ausgedacht. Sie beschloss daher, nur von Oda begleitet, die Sonne aufgehen zu sehn. Mit heiliger Erhebung wollte sie ihre ganze Seele aufschwingen. Der erste Strahl der Morgenröte würde ihr Denkmal vergolden.  Sonnenaufgang am Auferstehungstag, Sonnenaufgang am Grab der Liebe, welche Gefühle konnte ein solcher Tag einer weichen Seele wie der ihren geben!  Bereits die Vorfreude wirkte schon so erschütternd auf unsere liebe Träumerin, dass Oda bange für die merkwürdige Nacht wurde. Der Mond schwebte glühend herauf, wogte mit seinem Feuerstrahl auf den rollenden Wellen der ernsten Moldau. Leise flüsterte der Abendwind in den noch jungen Blättern, die einsame Nachtigall begann ihr erstes Lied.  Katharina nahm ihren Schleier, trug ein Körbchen der schönsten Blumen, die sie viele Monate gepflegt hatte, zum Grab. Ihre Harfe spielte der einsamen Gegend ein Lied der Sehnsucht, von ihr mit tiefem Gefühl gesungen. Der Wiederhall klagte mit ihr, und in jedem funkelnden Stern glaubte sie ihren Geliebten zu sehen, der ihr für ihre Treue dankte.

Die Harfe schwieg, die Nachtigall sang nicht mehr, in den Bäumen wiegten sich die Käfer bereits im Schlummer. Mitternacht war nah, Oda schlief friedlich an ihrer Seite ein.  Katharina lehnte die Harfe gegen die Urne, und ging den schmalen Ufergang entlang, um ganz in die wunderschöne Mondnacht einzutauchen.

Die allgemeine Ruhe, die friedliche Stille, goß auch in ihr Herz namenlosen Frieden. Sie war in ganz anderen Regionen, als ein nahes Geräusch sie wieder zu sich selbst brachte. Katharina blickte auf und sah, wo sie sich doch alleine wähnte, etwas, was sie nicht vermutet hatte. Quer über die grüne Wiese kam eine junge Frau, die sie für irgend ein Fest geschmückt geglaubt hätte, wenn es nicht Mitternacht gewesen wäre.  Ihr blondes langes zu einem Zopf geflochtenes Haar, war mit einem reichen blitzenden Juwelenband zurück gebunden. Ihr tausend Falten werfendes blendend weißes Atlasgewand, rauschte ihr wie ein Waldstrom nach. Eine Menge Diener folgten ihr in scheuer Ehrfurcht. Die junge Dame beschäftigte nichts, außer einem Strauß von teuren Steinen, der an ihrer hohen Brust glänzte. Dem reichen Schleier der von ihren Schultern wehte, der hellen lieblichen Mondnacht gönnte ihr stolzes Auge keinen Blick. Ihr Weg ging nahe der Stelle vorüber, wo Katharine stand. Sie zog sich so weit wie möglich hinter das Gesträuch zurück, um nicht von der glänzenden Dame gesehen zu werden. Dennoch kam sie ihr so nah, dass Katharina jeden Zug ihres Gesichts sehen konnte, das eines der schönsten gewesen wäre, wenn es nicht von hochmütigem Stolz überzogen gewesen wäre. Ihre funkelnden Augen schienen die ganze Schöpfung aufzufordern, ihr zu dienen. Ihr stolzer kalter Blick verlangte sogar nach der Herrschaft der Welt.

Katharina wandte ihren Blick ab. Ihre Augen fielen auf eine ehrwürdige Frau in tiefer Trauer, die die Schleppe ihrer Dame trug. Es lag so eine hinreißende Duldung über ihrem sanftes Gesicht.  Die Träne, die in ihrem zum Himmel aufblickenden Auge glänzte, war so unaussprechlich redend, dass Katharina ihre Herrin eine Tyrannin schalt. Der bebende Gang der alten Frau zeigte deutlich, dass sie ihr nicht freiwillig diente. Während dieser Betrachtung war der Zug bis an den kleinen Steg gekommen, welcher das Eigentum derer von Duba von den Besitzungen der anderen Gutsherrn trennte. Dort stand er still. Katharina sah ganz deutlich, dass sich die Dame von ihrer Dienerschaft trennte. Sah, dass sie die alte Frau in Trauer umarmte, ja es war ihr sogar, als wenn sie ihr die Hände küsste, und sich ganz allein in dem Wald verlor, der von einer anderen Seite zur Marien-Kapelle führte. Das Gefolge zerstreute sich so schnell ins Gebüsch, dass Katharina keine nähere Bekanntschaft mit der ehrwürdigen Dienerin machen konnte. Sie stand noch lange auf der Stelle, und sann der überraschenden Erscheinung nach. Alles was sie sich vorstellen konnte war, dass vielleicht ein demütiges Gelübde das stolze Fräulein  zur Marien-Kapelle führte, wo sie sich Ablass für neue Torheiten holen wollte. Die Umarmung der leidenden Dienerin ist wohl die Buße, welche ihr ein erkaufter Beichtiger auferlegte. Die Unverschämte glaubte Gott durch das elende Gaukelspiel zu betrügen.

Ihr Herz fühlte nichts von dem, was ihre Lippen sagten. Wie hätte sie sonst in diesem Glanz vor dem Auge Gottes erscheinen können? Alles war ruhig um sie herum. Die Stille der Nacht, die jedes ungerechte Gefühl lauter reden ließ, weckte ihr Gewissen nicht. Sie tändelte mit ihren Juwelen, und war unbesorgt darüber, was das Herz ihrer unglücklichen Dienerin fühlte, die sie nun bald durch eine heuchlerische Umarmung noch tiefer kränken wollte. Da geht sie hin, fuhr Katharina in ihrem Selbstgespräch fort, und wirft sich vielleicht mit einem Herz voll Falschheit vor den Thron dessen, der den kleinsten Gedanken unserer Seele durchschaute. Ein erkaufter Priester legt seine Segen verkündende Hand auf ihre stolze Stirn, und sagt Amen zu ihrer Frechheit. Heiliger Gott! Wann wirst du endlich die Übermütigen, die sich deine geweihten Priester nennen, zeigen, dass du ein Gott bist, den nur Tugend, nicht Opfer versöhnen kann. Sonst wäre ja der reiche Sünder nur Erbe deines Himmels. Katharinas Unwille über die Missbräuche ihrer Religion wurde durch Oda unterbrochen, die ihr entgegen kam. Katharina erzählte ihr, was sie gesehen hatte. Der Rest der Nacht ging unter den Wünschen der klugen Mädchen vorbei. Es möge doch besser werden, denn Gelübde der Art wie sie Katharina von der nächtlichen Dame vermutete, waren nicht selten in damaligen Zeiten. Selbst in Katharinas aufgeklärt sein wollender Familie konnte sie welche zählen. Die ersten Strahlen des kommenden Morgens wandten ihre Betrachtung auf höhere Dinge. Schön, prachtvoll und groß trat die Sonne auf der blauen Bahn hervor, und brachte den höchsten Tag der Christen, den Tag der Auferstehung, an ihrer Strahlenhand hervor. Nichts von dem, was Katharina empfand, uns sei  genug zu sagen, sie ging gestärkt von dem Denkmal ihres größten, schmerzlichsten Verlustes davon.

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