Hettys blaues Café

Schwarzromantik und dunkles Leben

Page: Ida von Duba

Die Tage wurden länger, die Luft wurde lauer. Überall drängten Blumen hervor. Heilender Balsam wehte von Bäumen und Sträuchern. Die Spaziergänge unserer Einsiedlerin wurden zahlreicher und länger. Um die Marienkapelle war es längst wieder still, denn nur drei Tage wurde dort öffentliche Andacht gepflegt. Die Reisenden, welche Gelübde oder Freundschaften her gerufen hatten, waren schon vor Wochen aus den Klöstern verschwunden, die sie beherbergt hatten. Katharina, die keine neuen Bekanntschaften wünschte, und die alten nicht gerne erneuern wollte, war schon lange in keins der Klöster mehr gekommen aus Furcht, sie würde Fremde finden. Jetzt, da alles wieder heimkehrte, beschloss sie, in den nächsten Tagen ihre Walburgis zu sehen. In ihren liebevollen Briefe hatte sie schon lange um die Freude gebeten, sie zu umarmen. Bevor dies geschah, sollte unsere Einsame noch eine Bekanntschaft machen, die ihr, ohne sie zu scheuen oder zu wünschen, in der Zukunft höchst interessant werden sollte.

Verschiedene Male schon hatte Katharina bemerkt, dass sie nach der Osterfeier in ihrer Einsamkeit gar nicht mehr so allein war. Sie hörte in dem nahen Gesträuch Geräusche. Es war nicht das Rascheln des hier hausenden Wildes. Nicht das Flattern der Nachtvögel, oder das Flüstern der Abendwinde in den schon belaubten Zweigen. Das dachte Katharina bei dem ersten Geräusch, welches sie hörte. Sie lauschte ein zweites und drittes Mal, es war der leichte Schritt eines Menschen. Es war sanfte Gewalt eines sich durchs Gesträuch dringenden Wesens, dessen ungeduldiges Seufzen sie bei dem widerstrebenden Gehölz, durch welches es sich einen Weg bahnen wollte, einige Mahl zu hören glaubte. Jetzt ging es leise, ganz vernehmlich rauschte ein Gewand. Nun hörte sie es weiter durch die Saaten schweben. Sie trat halb furchtsam aus ihren Bäumen, es war Mitternacht, mit dem Gedanken, es könnten wohl Menschen sen, die sich der Kapelle nahen wollten, um nach Schätzen zu spähen, deren Dasein die wieder gehaltenen Messen am reichen Grabe erneuert hätten. Was konnte Katharina, so allein wie sie war, von Dieben zu fürchten haben, die sich selbst, trotz der Furcht vor Geisterwachen und Bannfluch, an Gräber wagten?  Der leise ängstliche Schritt hätte sie freilich beruhigen können. Selbst das Seufzen des Wanderers war das Seufzen eines Weibes, aber wer denkt an so etwas alles im Augenblick der Überraschung?  Sie sah nichts weiter, als das Bewegen der Bäume im Schimmer des eben aufgehenden Mondes. Das Geräusch wand sich tiefer in den Wald, und verschwand gänzlich.

Katharina erzählte ihrer Dienerin, was sie zeitiger als gewollt nach Hause getrieben hatte. Sie gab Befehl, sich am Morgen zu erkundigen, ob alles noch beim alten an der Marienkapelle wäre. Die Marienschätze lagen noch sicher, kein Mensch wollte verdächtige Leute in der Gegend gesehen haben. Nach einigen Tagen zog die erste schöne Mondnacht Katharina wieder auf ihrer gewöhnlichen Wallfahrt. Auf Bitten ihrer Oda ließ sie sich von ihr begleiten. Auch heute hörten sie das Geräusch wieder. Bei dem leisen Schritt durch die schon höhere Saat wurde beiden deutlich, dass sie ohne Furcht dem Kommenden entgegen sahen. Es war offenbar nur der Gang einer einzelnen Person. Der Nachtwandler schien sich durch einen Nebenpfad wieder von ihnen zu entfernen. Die beiden Frauen stiegen auf eine kleine Anhöhe, wo sie auf eine lichte Stelle im Gesträuch sehen konnten. In weiter Entfernung erblickten sie zwei Gestalten, aus denen sie, wegen des ungewissen Mondlichts, nicht recht wussten, was sie machen sollten. Sie schlüpften durch eine vom Mond erhellte Stelle. Katharina wollte  weiße Gewänder flattern sehn, und Oda, die ein etwas schlechteres Auge hatte, gab zwar zu, dass es weiß gekleidete Menschen gewesen seien, aber sie bestritt, dass es Mädchen waren. Könnten es nicht Prämonstratenser sein? Könnten es nicht junge Burschen aus dem nächsten Dorfe gewesen sein, die vielleicht der Aberglaube oder wer weiß, welche verbotene Absicht, durch diese mitternächtliche Stunde geführt haben? Dies zu glauben bestärkte sie noch mehr in ihrer Flucht.

»Ganz sicher haben sie uns bemerkt, und vielleicht sind es gar Burschen von unserm eignen Hof.«

Katharina bestritt diese Meinung ihrer Oda noch eine Weile. Sie wollte langes wehendes Haar bemerkt haben, nannte die Gestalten zu zierlich, um Bauern oder Mönchen zu gehören. Oda nannte das flatternde Haar Zweige, die der heute stark wehende Wind bewegt hätte. Sie wollte Mönche kennen, die in noch kürzerer Entfernung zarten Jungfrauen glichen.  Die sanften Betrachtungen unserer Trauernden waren für dieses Mal zerstört. Man ging nach Hause, und in einigen Wochen war das nächtliche Abenteuer so gut wie vergessen.

Die Nächte wurden lau. Das Abendrot weilte länger am westlichen Himmel, die sich immer mehr nähernde Sonne machte selbst die Mitternacht weniger grausig. Katharina wusste beim Morgenrot und Sonnenschein wo die kleinsten Hügel waren, die dunkelsten Stellen einige Meilen umher. Wir wissen ja, dass oft ihre einzige Ruhe in der größten Ermüdung lag. Meistenteils wurde sie von Oda begleitet, manchmal auch noch einem Diener, wenn sich ihre Wanderungen bis jenseits der Gebirge, welche ihre Grenze umschlossen, erstreckten. an der kleinen steinernen Brücke, welche das Gebiet der Grafen von Duba von dem ihrigen schied, setzten sich die Zurückkommenden jedesmal auf den Rosensitz, welchen einige Linden umschatteten, und öfter beurlaubte Katharine hier ihre Begleiter, um den kurzen Weg bis zum Denkmal unter den Eichen allein zu machen. Die sanfte gutmütige Katharine suchte ihre Tränen oft selbst vor ihrer Dienerin zu verbergen, denn sie wusste, dass das gute Mädchen mit ihr litt. Oda ließ sie ungern allein, so müde sie auch oft war, und nur der Befehl ihres Fräuleins, dieses oder jenes Geschäft noch vor ihrer Ankunft auf dem Schloss zu besorgen, konnte sie umstimmen, sie zu verlassen, – doch küsste sie ihrer Gebieterin noch allemal mit der dringenden Bitte die Hand, ja nicht mehr über das Brückchen zu gehen, denn sie traute nicht, wir wissen nicht recht, ob aus Furcht für Räuber, oder der dort hausen sollenden Geister. Katharina versprach es, und hielt es redlich.

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