Hettys blaues Café

Schwarzromantik und dunkles Leben

Page: Komm Tristesse

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Bereits seit vielen Monaten war in mir eine große Traurigkeit, eine mir unbekannte Schwermut. Es begann, als ich erkannte, dass meine Ehe einen Weg einschlug, der mir nicht mehr gefiel. Es war zwanzig Jahre her, seit sich unsere Blicke gekreuzt hatten. Ich, der Workaholic, hatte mich Hals über Kopf verliebt. Männer hatten in meinem Leben nie eine besondere Rolle gespielt, jedenfalls nicht die, die sie für Frauen sonst spielten. Mein Leben bestand nur aus Arbeit. Ich liebte meine vier Wände, zu arbeiten, zu lernen und am Wochenende meine Freunde abzuklappern. Mein Tag war zu Ende, wenn ich am Schreibtisch einschlief.

Ich hatte für alle Zeit, jeder kam zu mir um mir sein Leben auszuschütten. Es störte mich nicht, im Gegenteil. Dies ersparte mir, über mein eigenes Leben nachdenken zu müssen. Ich war glücklich und zufrieden, jedenfalls dachte ich das. Noch war ich jung genug um die Welt neu zu erfinden. Meine Freunde mochten mich. Sie freuten sich, wenn ich kam, und jammerten, wenn ich ging. Zu dieser Zeit hatte gerade eine neue Discothek eröffnet, die uns am Samstag magisch anzog. Da ich ohnehin kein Freund vom Alkohol war, wurde ich “Fahrdienstleiter”. Wie jedes Wochenende zogen wir also in den Tanzpalast. A hatte sich bereits einen Tänzer angelacht, B hatte ihr zweites Date und C hatte sich ihr Opfer ebenfalls schon ausgeguckt. Ich hatte meinen Stammplatz an der Bar gefunden, wo ich reichlich mit Kaffee verwöhnt wurde. Der Barmann war sehr nett, sehr interessant, und seeeehr gut aussehend. Hatte er ein wenig Luft, lästerten wir vergnügt über die Gäste.

Mit seinem eleganten Schlenker stellte er mir einen Kaffee an den Platz. Ich wollte mich gerade bedanken, als er hinter mich sah und mit dem Daumen über seine Schulter zeigte. Aha, eine kleine Spende. ‘Sie trinken doch nur Braunen.’ hörte ich in schönstem österreichisch. Was für eine Stimme! Ich hatte das Gefühl, das Blut in meinen Adern floss schneller. Ruckartig drehte ich mich um, und mein Herz stand still. Gut dass es dunkel war an der Bar, denn ich fühlte wie meine Wangen heiß wurden. Ich sah in zwei braune Augen. Sah einen schönen Mund, der von einem feinen Lächeln umspielt wurde. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, musste ich den Blick senken. Da war er, der Mann meiner Träume. Groß, muskulös, breite Schultern, schmale Hüften. Wahrscheinlich einen knackigen Po und unheimlich arrogant. Er blieb neben mir stehen und stellte sich vor. Aufgrund der lauten Musik musste er sehr dicht an mein Ohr kommen, so dass ich sein verführerisches Eau de Toilette riechen konnte. Ich kannte diesen Geruch, eine Mischung aus Opium und Moschus. Ja, er war Opium für mich.

Boris war nicht arrogant, kein Draufgänger. Er war jedoch sehr bestimmend, so als sei er gewohnt zu befehlen. Dabei blieb er freundlich, sogar etwas sanft, höflich und zuvorkommend. Der Abend verging im Fluge. Es war bereits vier Uhr morgens, meine Mädelgang wollte nach Hause. ‘Werden wir uns wiedersehen?’, fragte er so ganz nebenbei, und sah mich forschend an. Ich zuckte mit den Schultern und lächelte leicht. Ganz sicher, antwortete ich in Gedanken.

‘Was war denn das?’, fragten meine Besten im Auto. ‘Ein Mann.’, ja, so konnte man sagen, er war ein Mann. Er war d e r Mann. Freundinnen hat man, um ab und an auch mal unliebsame Wahrheiten zu hören. Ich verkroch mich die ganze Woche in Arbeit, ohne wirklich etwas zu schaffen. Ans Telefon ging ich nicht, jeder Anruf war mir lästig. Dabei hatte ich jedoch nicht mit meiner Allerbesten gerechnet. Wer so eine treue und stets besorgte Freundin hatte, der hatte keine Gelegenheit sich persönliche Feinde zu schaffen.

‘Hetty, was ist los? Bist Du krank, ist Dein Auto kaputt oder ist jemand gestorben?’

Weder noch. Ich bin verknallt, antwortete ich ihr in Gedanken. ‘Der Typ von der Disco?’, sie sprang umher wie ein Stehaufmännchen. ‘Juhu, Wette gewonnen!’, aha, die drei hatten also gewettet, dass ich mich in den smarten Typen vergucken werde. ‘Er ist doch genau dein Typ. Deine Augen haben geglänzt wie im Fieber. Dein Plappermäulchen stand still. Du bist gegen den Türrahmen gerannt, und hast das Auto nicht einmal gefunden. Typischer Fall von Schmetterlingen im Bauch.’, ja, so könnte man es nennen, nickte ich.

Als wir am Samstag in die Disco kamen, wurden wir bereits erwartet. Der Einlasser nahm mich am Arm, und erklärte, wir werden bereits erwartet. Er führte uns in die Richtung linke Ecke. Es war nicht einfach, durch das gedimmte Licht etwas zu erkennen, brauchte ich auch nicht, das klare fröhliche Lachen war nicht zu überhören. Boris residierte in einer der vielen roten Polsterecken, umgeben von einigen hübschen jungen Frauen. Sein Blick ging ständig in Richtung Tür, er schien unruhig zu sein. Nachdem er uns erspäht hatte, sagte er etwas in die Runde, die Frauen standen auf und sahen uns abschätzend entgegen. Diese Aufmerksamkeit störte mich. Den Mädels gefiel es. Ich wusste nicht, sollte ich mich geehrt fühlen oder enttäuscht sein? Ein guter alter Bekannter kam strahlend auf uns zu, nahm mich in den Arm, und setzte sich wie selbstverständlich neben mich. Wir palaverten aus der guten alten Zeit, lästerten etwas über gemeinsame Bekannte, und ich füllte meinen Coffeinspiegel auf. Boris schwieg. Wurde er angesprochen, antwortete er höflich. Während ich auf der Tanzfläche herumhüpfte, trafen sich unsere Blicke einige Male. Immer sah ich sein feines Lächeln und nachdenkliche Augen.

Die Disconacht ging zu Ende. Ich fühlte mich müde, trotz des vielen Kaffees. Wir verabschiedeten uns. Hier ein Küßchen, da ein Küßchen. Der Einlasser wartete auf sein kleines Trinkgeld für treue Dienste. Boris zog mich leicht an sich. ‘Ich habe Zeit auf dich zu warten.’, flüsterte er mir ins Ohr, und hauchte einen Kuss auf meine Wange.

Ja, Boris hatte Wort gehalten. Er hat mich nie aus den Augen gelassen, und bereits mehr als ein Jahr geduldig gewartet. Ich war verliebt in ihn wie ein Teenager. Verbrachten wir auch viel Zeit miteinander, so wurde ich doch die Frage nie los, ob er überhaupt treu sein konnte. Wann immer wir uns spontan trafen, immer hatte er irgendwelche Frauen dabei. Ihm erging es jedoch nicht anders. In meiner Wohnung ging es recht bewegt zu. Die Besten verglichen es gerne mit einem Bienenstock. Da er sich nie anmeldete, passierte es des Öfteren, dass er direkt in das Wespennest stieß.

Es waren schon drei Monate her seit seinem letzten Besuch. Entgegen sonstiger Gewohnheit hatte ich weder Anrufe, noch Briefe oder Blumen bekommen. Ich hatte Sehnsucht, war traurig und auch ein wenig enttäuscht. Eines Abends sprang Lude spontan vom Schreibtisch und fegte zur Tür. Eigentlich war es nicht die Angewohnheit meiner Besten noch so spät zu mir zu kommen. Warum benutzt sie nicht ihren Schlüssel? Mhhh. Ich öffnete die Tür ohne hinzuschauen, und wollte zurück ins Wohnzimmer. Das aufgeregte Mauzen von Lude sagte mir, dass es nicht meine Beste war.

‘Darf ich hereinkommen?’, Boris steckte seinen Kopf durch den Türspalt, ich fiel ihm glücklich um den Hals. Er nahm mich auf seine starken Arme und trug mich auf die Couch. Neugierig machte er einen Rundgang durch die Wohnung. ‘Allein! Das erste Mal seit wir uns kennen ist kein anderer Mann hier’, schmunzelte er. Ich war zu glücklich um mich aufzuregen.

Wenn ich nicht schon über beide Ohren verliebt gewesen wäre, spätestens in dieser Nacht hätte ich mein Herz verloren. Noch nie vorher hatte ich das Bewusstsein, war Boris auch nicht mein erster Mann in diesem Bett, so war er doch mit Sicherheit der letzte.  Drei Monate später haben wir geheiratet, ich zog nach Wien um mit dem schönsten, liebsten und sinnlichsten Mann auf dieser Welt zu leben.

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