Hettys schwarz-blaues Café

Schwarze Romantik & Dunkles Leben

Page: Komm Tristesse

3. Kapitel

Nach außen zeigte ich mich gut gelaunt, im Inneren brodelte es. Wenn auch die Scheidung das einzig Vernünftige war, so litt ich. Man kann nicht so einfach vergessen. Liebe ist kein Schalter den man nur umlegt. Unser Sohn war in Wien geblieben. Einer muss ja auf Papa aufpassen, sonst versackt er ganz. Ich freute mich darüber, denn es war auch zwischen den beiden nicht immer reibungslos abgegangen. Insbesondere als der Junge 16 war, wurden die Auseinandersetzungen zwischen Sohn und Vater mitunter handgreiflich.

Meine Besten versuchten nach allen Regeln der Kunst meine Tristesse zu bekämpfen. Ich tat ihnen den Gefallen, und ließ mich überall hin mitschleppen. Der ewige Drang mich aufzuheitern ging mir bald auf die Nerven. Ich sehnte mich nach Ruhe und meinem Mann. Meine Allerbeste beobachtete mich wie ein Luchs. Sie sagte nichts, sie registrierte.

Obwohl ich es bemerkte, konnte ich es nicht ändern. Ich verwandelte mich. Jedes Wort wurde mir zu viel, alles und jeder belastete mich. Ich verkroch mich in meiner Wohnung, hielt die Vorhänge geschlossen, ging nicht ans Telefon. In der Welt der Handys nicht so einfach. Auf Arbeit riss ich mich zusammen, spielte den Frohsinn in Person. Nur meine Allerbeste wusste was in mir vorging. Was ich nicht wusste, sie hatte Kontakt zu meinem Sohn aufgenommen.

Es war kurz vor Weihnachten. Obwohl ich die Weihnachtszeit über alles liebte, war sie mir bis zu diesem Zeitpunkt völlig egal. Kuchen, Plätzchen, Geschenke. A, B und C hatten mich je einen Adventssonntag eingeladen. Meine Allerbeste wollte mich am Heiligen Abend bei sich haben. Ich wollte zu niemandem, dachte darüber nach, ob ich nach Wien fahre. Bevor ich mir einig werden konnte, saßen meine Männer auf der heimischen Couch. Boris sah mich schuldbewusst an. ›Ich trinke nicht mehr.‹ flüsterte er mir ins Ohr, als er mich in den Arm nahm. Ich glaubte ihm sogar. Er sah aus wie damals, als wir uns kennen lernten. Am nächsten Tag flog unser Kind wieder nach Wien. Er versicherte sich jedoch, ob wir uns auch nicht die Köpfe einschlugen.

Meine Mädels waren sehr zurückhaltend mit ihrer Freude. Sie respektierten Boris Abstinenz und drangen nicht weiter in uns, in der Adventszeit zu ihnen zu kommen. Wie ich erfuhr, hatte er einen schweren Entzug hinter sich. Unser Sohn war ihm nicht von der Seite gewichen, hatte ihn fast täglich besucht. Die Scheidung hatte Boris inzwischen akzeptiert und als gerecht empfunden. Wir nahmen uns vor, es noch einmal zu versuchen. Nach rund einem Jahr durfte ich die Haut meines Mannes wieder riechen und schmecken. In unserer ersten gemeinsamen Nacht kamen wir uns vor wie frisch verliebt. Boris zog alle Register. Er wusste was ich liebte, er wusste was ich wollte, er ließ nichts aus.

Nach knapp drei Monaten hatte ich das Gefühl schwanger zu sein. Der Besuch beim Frauenarzt machte mich nicht glücklich, er deprimierte mich. Bonjour Tristesse. Ich war bereits Mitte vierzig. Mein Sohn war alt genug selber Vater zu werden, und ich sollte noch einmal von vorne beginnen? Die Tatsache der Schwangerschaft belastete mich. Ich machte mir Gedanken darüber, ob das Kind gesund sein würde. Boris starker Alkoholkonsum einerseits und eine familiäre Erbkrankheit andererseits nagten an meiner Seelenbeschaffenheit. Plötzlich lehnte ich den wunderbaren Sex mit Boris ab, und zog mich zurück.

»Bist du schwanger?«, fragte mich Boris eines Abends, als er meinen Körper liebkosen durfte. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Er deutete das als ja. War mein Mann schon ganz aus dem Häuschen als ich ihm die erste Schwangerschaft mitteilte, war er jetzt total hin. Er wurde geradezu süchtig nach mir. Er liebte, wie er sagte, die Veränderungen die sich bald einstellen würden. Ich war weniger euphorisch. Natürlich entgingen ihm meine Ablehnungsversuche nicht. Die Enttäuschung darüber war ihm deutlich anzumerken. Ich erzählte Boris von dem Verdacht des Arztes, dass das Kind behindert sein würde.

Der gemeinsame Besuch beim Frauenarzt holte ihn von ganz oben nach ganz unten. Bei der Untersuchung hatte sich herausgestellt, dass ich nie ein gesundes Kind austragen würde. Außerdem riet mir der Arzt zu einer Histerektomie. Auch wenn ich keine Kinder mehr wollte, war ich betroffen. Es war für uns beide eine schwere Zeit. Bevor ich überhaupt richtig darüber nachdenken konnte, entschied sich Boris nach Wien zu fahren. Zum Nachdenken, wie er sagte. Unsere letzte gemeinsame Nacht war die schönste, die ich je mit ihm erlebt habe. Für mich war klar, dass er wieder rückfällig werden würde, auch unser Sohn konnte das nicht verhindern. Es verwunderte mich nicht, dass ich wenige Monate darauf mitgeteilt bekam, dass sich Boris tot gefahren hatte.

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