Hettys Gedankenwelten

Schwarze Romantik, dunkles Leben

Page: Komm Tristesse

Eine neue Liebe

Obwohl das alles nun schon einige Jahre her war, hatte ich mit meinen Mann noch nicht wirklich abgeschlossen. Die Erinnerung verblasste, doch das Herz tat noch immer weh. Ich zog mich total in mich zurück und entwickelte einen ungesunden Männerhass. ‘Mutter was ist los mit Dir?’ fragte mich mein Sohn eines Tages. Er war mit seiner Familie zu Besuch, und wir fuhren die zwei Babys spazieren. Meine Veränderung gefiel ihm gar nicht. ‘ Mama, er ist tot. Das Leben geht weiter. Lebe Dein Leben, such Dir einen anderen.’ riet mein großer Junge. ‘Schau Dich mal im Spiegel an. Das bist nicht mehr Du.’ Die Kritik tat weh, aber sie war berechtigt. So sehr ich mich auch bemühte etwas zu verändern, ich schaffte es nicht. Mir fehlte der Antrieb. Fachärzte nannten das wohl manisch-depressiv, ich sagte dazu himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt.

War ich auch in meiner Freizeit recht leger gekleidet und ungeschminkt, so verkleidete ich mich im Büro aufs sorgfältigste. Ich lachte und scherzte mit meinen Mandanten, bekam reihenweise Einladungen, wurde umschwärmt und verehrt. Ja, es tat meiner Seele gut, durchdrang jedoch nicht die Oberfläche. Was mich noch mehr verwunderte, die schnurrenden Männer wurden immer jünger. Was wollten sie alle mit einer alten Schachtel wie mir? Meine Allerbeste erklärte mir, dass das heute modern sei. Aha. Was willst du denn, fragte sie mich, wenn du dich richtig aufbrezelst gehst du doch mit knapp fünfzig durch. Ich sah etwas anderes, wenn ich in den Spiegel sah.

In unserem Bürohaus saßen mehrere Firmen. Man kannte sich auf der Etage, grüßte sich, besuchte sich. Einige Firmen gehörten zu meinen Mandanten. Wie jeden Morgen stand ich in Gedanken versunken im Fahrstuhl, nickte mechanisch und wünschte einen schönen Tag beim Aussteigen. Die Stimme die mir antwortete klang angenehm. Interessiert schaute ich hoch, was ich sah, gefiel mir. Er war groß, hatte eine gute Figur und ein verzauberndes Lächeln.

Meine Sekretärin sah mich erstaunt an. ‘Sie lächeln ja so verträumt Chefin. Wohl eine schöne Nacht gehabt?’ schnell schlug sie sich mit der Hand auf den Mund. Mochte ich sonst ihre frechen Sprüche nicht, musste ich doch lächeln. ‘Nein meine Schöne’ frotzelte ich zurück. ‘Einen attraktiven Mann getroffen.’ Sie verdrehte die Augen und pfiff leicht. Einige Tage später platzte das sonnige Gemüt in mein Büro. ‘Ich soll fragen ob sie Hunger haben.’ Noch bevor ich unwillig antworten konnte, sah ich das lächelnde Gesicht aus dem Fahrstuhl hinter ihr. Die stummen Faxen deutete ich als, die Idee ist von mir. Na ja, Hunger hatte ich wirklich, es war bereits drei Uhr am Nachmittag. Gut, wenn ich jetzt zum Lunch ging, konnte ich auch gleich den Büroschluss einläuten. Ich gab meiner Sekretärin noch einige Anweisungen und verabschiedete mich.

Es fiel mir schwer zuzugeben, Jo gefiel mir. Er hatte ein entwaffnendes Lächeln, eine sehr bildhafte Erzählweise, und schien eine Frohnatur zu sein. Offenbar schien er gerne Komplimente zu machen, was ich nicht mochte. Einmal legte er seine Hand auf die meine und weckte mich aus meinen Gedanken, ruckartig zog ich meine Hand zurück. Woran denkst Du? fragte er ernst geworden. An dich, hätte ich sagen können, was ich nicht tat. Unterbewusst verglich ich ihn mit Boris. Er trug Ring, Halskettchen und Ohrring. Sein Outfit war dementsprechend “kostbar”, er musste alle Designershops der Stadt kennen. Nicht zu vergessen die sehr verführerische Duftnote die ihn umhüllte. Nicht zu schwer, nicht zu leicht, gerade richtig für meinen Geschmack. Er war vollendet höflich, aufmerksam und verständig. Halt der Traum der schlaflosen Nächte einer anspruchsvollen Frau, für die ich mich hielt.

Er war ein angenehmer Gesprächspartner. Klug, umfassend gebildet, jedoch nicht wirklich humorvoll, doch er konnte über eine witzige Bemerkung lachen. Genau an meinem Geburtstag stand er mit einem Riesenstrauß schwarzer Rosen vor mir, in der Mitte, die anderen leicht überragend, steckte eine blaue.
‘Du liebst schwarze Rosen habe ich gesehen.’ sagte er mit einem entwaffnenden Lächeln. Ich tat sehr geschäftig, was ihn jedoch nicht beeindruckte. ‘Hetty, ich hab dich lieb’, gestand er. Ich möchte dir einen Abend zu zweit schenken.’ Boa, das war mal kurz und knapp und mitten ins Herz. Ich stotterte herum, dass ich gerade heute und so weiter. ‘Hör auf, bitte komm mit. Was soll das alles? Willst Du, dass wir uns immer weiter verlieben und irgendwann voll Hass auseinander gehen. Was ist, das ist.’
Es war die Art wie er es sagte, was meinen Widerstand dahin schmelzen ließ. Es klang ehrlich, seine Stimme war belegt, es schien ihm nicht leicht zu fallen, das alles zu sagen. Ja, ich mochte ihn auch und übte mich in Selbstbeherrschung. Jo war ein guter Beobachter. Es war nicht zu leugnen, ich hatte Gefühle für ihn. ‘Warum ich? Du triffst täglich irgendwelche Frauen, ist da keine dabei?’ es sollte witzig klingen. Er sah mich an, nahm mich in den Arm und küsste mich. Sanft, liebevoll und fordernd. ‘Ich möchte aber keine von denen, ich möchte dich.’
‘Wie alt bist Du Jo?’
‘Ist das wichtig? Für Dich 52, wenn es dich beruhigt.’ Ja, es beruhigt mich sehr. Ich hatte nämlich ein Problem mit jüngeren Männern.

Es begann eine wunderschöne Zeit mit dem zweitwunderbarsten Mann der Welt. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so einen hoffnungslosen Romantiker getroffen. Jo suchte nach Liebe, nach der Liebe. Er wollte sogar noch ein Kind mit mir, was ja überaus lächerlich war. Mit ihm war einfach alles schön, so schön wie mit Boris bis er zu trinken begann. Obwohl ich damals gedacht hatte, nie wieder so hingebungsvoll Sex haben zu können, gab ich mich Jo mit allen Sinnen hin. Ihm gegenüber hatte ich keinerlei Hemmungen.  Genierte mich nicht für meinen alternden Körper, ließ mich liebkosen und genoss seine Eifersucht. Ich liebte es, wenn er unangemeldet vor der Türe stand, mich in den Arm riss, aufs Bett warf und mich bis zum Exzess verwöhnte. Es gab nichts, was mit ihm nicht möglich war. Anfangs dachte ich, er war ausgehungert nach körperlicher Liebe, doch nein, er brauchte sie wie das tägliche Brot. Und ganz ehrlich? Ich war ihm bedingungslos verfallen. Wir spielten, wir probierten Dinge, die für mich nur Bestandteil der Pornoindustrie waren. Ich ließ es geschehen, er ließ es geschehen.

Lange hatte ich mich nicht mehr im Spiegel betrachtet, ich schämte mich für meinen zu welken beginnenden Körper.  Ich hatte nicht mehr die volle straffe Brust wie vor Jahren. Am Bauch zeigte sich bereits faltige Haut. Bei meiner Betrachtung hatte ich nicht bemerkt, dass Jo ins Bad gekommen war. Wortlos ließ er Wasser in die Wanne, schüttete Rosenblätter dazu und hob mich hinein. Er stand splitternackt vor mir, nahm meine Hand und ließ sie über seinen Körper gleiten. Ich verstand was er mir sagen wollte. Ja, auch er hatte nicht mehr die Haut eines zwanzigjährigen. Ich lag in seinen Armen und genoss das Vorspiel einer aufregend romantischen Nacht. ‘Bitte heirate mich’ flüsterte er mir zärtlich ins Ohr. ‘Was hast du zu verlieren?’

Was hatte ich zu verlieren? Für mich zählte nur die Erkenntnis, dass ich in 10 Jahren verbraucht sein würde. Es gab kein Bügeleisen für die menschliche Seele.

(c) 2017 Marie Louise Preuss

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