Hettys Gedankenwelten

Schwarze Romantik, dunkles Leben

Page: Warum muss es Liebe sein?

Warum muss es immer Liebe sein?

Willkommen in meinem Leben-Ein einfacher Satz hatte sich zu einer Katastrophe entwickelt. Ja, man muss sehr genau aufpassen was man sagt, denn Gedanken sind so falsch zu verstehen.

Ich tue mich sehr schwer bei der Auswahl meiner Freunde oder guter Bekannter die ich letztlich in mein Leben lasse. Nicht jeder der einem sympathisch erscheint bewährt sich letztlich. Einen Menschen in sein Leben zu lassen ist eine bewusste Entscheidung, die einen Vertrauensbonus voraussetzt. Als ich diesen Satz letztens zu einem Mann sagte, trat ich etwas los, was ich mir a) nie so vorstellen konnte und b) gar nicht sagen wollte. Was war passiert?

Wir hatten uns im Internet kennengelernt, in einem dieser Chats wo man auch miteinander sprechen konnte. Er war ruhig, eigentlich kaum sichtbar. Einmal sprachen wir kurz zusammen. Stimmen sind einzigartig. Sie lösen die unterschiedlichsten Gefühle in einem aus. Es gab Stimmen die einen anzogen, andere, die einen abstießen. Diese Stimme hatte das Potential zu verzaubern, sie war freundlich, man hörte ein fröhliches Lachen. Sie hatte etwas erotisches, war nicht zu hell und nicht zu dunkel. Ich gebe es gerne zu, sie nahm mich gefangen. Ich fragte mich, wie der Mann wohl aussah, dem diese Stimme gehörte.

Durch Zufall erfuhr ich seinen Namen und fand im Web Fotos. Alles in allem war ich enttäuscht, doch die Stimme passte zu den Fotos. Ich schätzte ihn Ende 30. Was mir meine Fantasie sonst vorgaukelte entsprach eher dem, was ich mir unter einem Jupi vorstellte. Wie umschrieb man das? Jung, dynamisch und erfolglos. Er hatte etwas mitreißendes an sich, etwas, dem man sich nur schwer entziehen konnte. So lasen sich auch die Chatkommentare.

Einige Zeit darauf lernten wir uns persönlich kennen. Ja, er lachte gerne, war herzlich und ein Freund oft makaberer Scherze. Allerdings beschlich mich eine Ahnung, er war homosexuell. Warum sich dieser Gedanke in mir manifestierte weiß ich nicht, es störte mich aber nicht weiter. Jeder muss so genommen werden wie er ist.

Er suchte den Kontakt zu mir per WA. Anfangs tat ich mich schwer. Junge Menschen waren nicht unbedingt meine Altersgruppe mit der ich soziale Kontakte suchte. Doch was er von mir wollte war beruflich beschränkt, also, warum nicht? In den nächsten drei Monaten schrieben wir uns immer mal kurze Nachrichten. Es war, als kannten wir uns schon eine Ewigkeit. Ich lernte ihn als freundlichen höflichen Menschen mit einem recht lockeren Mundwerk kennen. Ja, diese zwanglose Schreiberei machte mir Spaß. Blieb ich einige Tage stumm schrieb er, im umgekehrten Fall ich. So ganz langsam schlichen sich auch kleine Gewohnheiten in der Schreiberei ein.

Eines Tages bekam ich die Feststellung zu lesen, ich glaube, ich muss mal wieder nach X kommen. Das glaube ich auch, antwortete ich. Also trafen wir uns.
Die gesamte Zugfahrt über schrieben wir uns Nachrichten. Alles klang so vertraut, so persönlich, als wären wir schon seit ewigen Zeiten befreundet. Ich war ein wenig aufgeregt. Es hatte was von einem Date.

Als wir dann voreinander standen verdunkelte sich der Himmel, aus Tag wurde Nacht. Lag es an der Bemerkung die ich auf eine Bemerkung von ihm während der Zugfahrt machte? War es ihm peinlich sein lockeres Mundwerk mal wieder poliert zu haben? Lag es daran, dass ich ungeschminkt erschienen war? Bei seiner ganzen Schreiberei die letzten zwei Stunden hatte ich keine Zeit gefunden großartig Maske zu machen. Wie hatte er mich in seiner Erinnerung? Durch Schminke einige Jahre optisch jünger? Nun gut, ich war Ende fünfzig und das wusste er auch. Nach seinen Altersangaben hätte ich durchaus seine Mutter sein können. Mein eigener Sohn war nur 5 Jahre jünger.

Die Vertrautheit der letzten Stunden war einer großen Fremdheit und Unsicherheit gewichen. Ja, eine Schreiberei ohne Worte ersetzt keine persönlichen Kontakte. Der Mensch im Handy ist alterslos.

Eigentlich war ich davon ausgegangen, wir trinken Kaffee zusammen, reden über Geschichten und versuchten, uns etwas kennenzulernen. Ich hatte auch gedacht, er würde mir sagen, ob ich mich hinsichtlich seiner sexuellen Neigung geirrt hatte. Was war dabei? Es war ein Satz, den der Bürgermeister von Berlin, Wowi genannt, ganz locker über die Lippen bekommen hatte. Ich finde schon, dass man wissen sollte wo jemand steht, wenn man weitere Kontakte pflegen möchte.

Deutlich outete er sich nicht. Ich konnte mir die Wahrheit aus vielen kleinen Bemerkungen zusammen setzen, die er so machte. Was mir gar nicht gefiel war seine Flirterei. Ich las gerne Körpersprache. Schon bei unserem ersten Kennenlernen sagte er mir mit seinem Händedruck, dass er Interesse an mir hatte. Auch bei diesem Treffen sagte mir seine Haltung ganz deutlich, dass er näheren Kontakten nicht abgeneigt war. In mir manifestierte sich jedoch ganz deutlich eine Frage: Was lief hier verkehrt?
Ich sah einen jungen Mann mir gegenüber sitzen, der offensichtlich seine Rolle abspulte. Einige seiner Bemerkungen klangen einfach verkehrt. Mir kam es vor, als seien sie auswendig gelernt. Bei konkreten Fragen die ich stellte, verschob er die Antwort auf später. Er meinte, sich mal ein ganzes Wochenende um mich kümmern zu müssen und ähnliche Worthülsen. Die anfängliche Unsicherheit hatte sich zwar gelegt, doch es schien, als hätte er sich einen anderen Mantel über gezogen.
Das Wochenende schrieb er mir ununterbrochen Nachrichten. Einerseits fand ich es ja nett, andererseits belastete es mich. Diese Intensität kannte ich noch nicht.

Kurz darauf schrieb er mir, dass er eine Veranstaltung besucht hatte und noch beeindruckt war. Dieser Tag sei der zweitschönste in diesem Jahr gewesen mit einem Smily dahinter. Was wollte er mir sagen? Hätte ich jetzt nachfragen sollen? Egal was er meinte, ich wollte die Antwort nicht hören. Viel später erfuhr ich, dass er derlei Veranstaltungen schon seit Jahren besuchte. Wenn er mir hätte sagen wollen, dass unser Treffen bisher der Schönste in diesem Jahr war, warum hat er nicht? Der direkte Weg zwischen zwei Punkten ist immer die Gerade. Abgesehen davon hätte ich es ohnehin nicht geglaubt.

Ich bin Aromantiker, doch trotz all meiner ungläubigen Gedanken verspürte ich einige romantische Gefühle für diesen Mann. Es war nicht seine falsche Flirtspielerei. Mir gefiel seine Art. Sein schönes Lachen, seine frechen Kommentare, seine trotz allem offene Art. Er hatte viele Hobbys und interessante Gedanken. Kurzum, er war breit interessiert.

Es folgten einige Wochen wo er im Chat den Romeo spielte. Seine Stimme klang verliebt, er machte mir Avancen und gab mir das Gefühl, mich anzubeten. Vielleicht tat er es ja auch, doch ich stand nicht drauf. Meine Gefühlswelt hatte sich wieder ausbalanciert. Ich konnte diese Anhimmelei auch nicht erwidern. Erst einmal mochte ich das nicht, Aromantiker sind romantischen Gefühlen gegenüber ein wenig blind. Zum anderen fühlte ich mich bei diesem Altersunterschied veralbert.

Eines Morgens kam die große Offenbarung, auf die ich schon zu unserem Treffen gewartet hatte. Er sagte auch jetzt nicht direkt welche sexuelle Orientierung er hatte, nur, er spiele auf beiden Seiten der Geschlechter und, er sei eine halbe Frau. Für mich hieß das nicht zweifelsfrei bisexuell. Ein bisexuell empfindender ist noch immer ein ganzer Mann. Auf Fragen die ich stellte, bekam ich keine Antwort. Was sollte das nun? Alles in mir wehrte sich gegen die Idee der Bisexualität. Ich hatte im Laufe meines Lebens viele Schwule und Bisexuelle kennen gelernt. Niemand kann für seine sexuelle Orientierung, niemand sucht sie sich aus. Auch wenn er, gemäß seiner Worte, mit Frauen Beziehungen gehabt hat, unterstrich das noch lange nicht die Bisexualität. Auch Männer brauchen manchmal länger sich zu erkennen.

Einige Wochen darauf hatte ich das Gefühl, dass es einen anderen Menschen in seinem Leben gab, dem er sich zugewand hatte. Es tat mir zwar leid, doch ich glaube, mir fehlte nur unsere Schreiberei. 3 Wochen später kam er zurück. Urplötzlich war wieder alles beim alten. Allerdings war er gedrückt und mir schien, es hatte sich etwas verändert. Eine unglückliche Liebelei? Unser Kontakt bestand, doch nicht mehr so intensiv wie zuvor. Hinzu kam, es hatte sich eine andere Frau zwischen uns gedrängt. Sie war heiß verliebt und hatte nur ein Ziel, diesen Mann für sich zu gewinnen, dafür tat sie alles. Für mich machte so ein Zickenkrieg keinen Sinn. Wäre ich einige Jahre jünger gewesen, hätte ich das Spiel vielleicht mitgemacht, wenn auch nur aus Spaß an der Freud.

Auf mein Bitten hin trafen wir uns ein drittes Mal. Die Zeit vor dem Treffen hatte so etwas Eigenartiges. Mir kam es vor, als hätte jeder von uns die Absicht das nur nicht kaputt zu machen. Er tat alles was ich immer an seiner Art im Umgang bekrittelt hatte. Antwortete auf meine Nachrichten, war nett und höflich wie einst.

Dieser Tag war für mich einer der Schönsten in meinem Leben. Eine Sache fiel mir allerdings auf, die bereits bekannte Unsicherheit im Umgang. Ich wollte nicht wieder in die Flirtsituation kommen, versuchte alles abzubiegen. Allerdings hatte ich mir vorgenommen, kam wieder der tiefe Blick in die Augen war ich der Sieger. Diesmal blendete ich nicht ab. Ich denke heute, das war mein größter Fehler überhaupt.

Nach unserem Treffen bekam ich eine Nachricht, die mir buchstäblich die Beine wegschlug, mit der ich nie gerechnet hatte. Für mich war klar, dass ich zu diesem Mann Vertrauen haben konnte. Auch wenn er in meinen Augen viel zu jung war, so war er doch sehr erwachsen. Wir hatten den gleichen Beruf, gleiche Interessen. Einem freundschaftlichen Umgang stand meinerseits nichts im Wege. Ich sah das alles mit den Augen der Philia, der Aromantik und geistigen Anziehung. Ein körperliches Verlangen hatte ich diesem Mann gegenüber nie verspürt. Ich mochte ihn einfach, jedoch hatte keinerlei romantische Gefühle mehr.

Er meldete sich zunächst mehrere Tage gar nicht. Ich hatte mich, so wie ich es kenne und praktiziere, für den schönen Tag bedankt. Dafür verwendete ich seine Worte nach unserem Treffen in X. Unter anderem schrieb ich: Willkommen in meinem Leben. Was ich nicht schrieb, wohl aber hätte schreiben sollen….als Freund. Darüber hinaus schrieb ich noch einige Dinge, die wohl ebenfalls falsch angekommen waren. Ich hatte nichts weiter beabsichtigt als ihm zu sagen, dass er einfach für mich als Freund in mein Leben passte.

Zurück bekam ich quasi den Stuhl, den man Menschen vor die Tür stellt. Er beendete die ganze Sache, wie heute üblich, per WA. Er schrieb mir, er wisse um meine Gefühle, könne und werde sie nicht erwidern, wolle keine Beziehung, könne sich nicht einlassen, Frauen nicht mehr vertrauen. Aber er mochte mich. Alles in mir rebellierte, ich war verletzt darüber, so missverstanden worden zu sein. Ja, ich war beleidigt.

Meine Gefühle, sofern vorhanden, waren rein freundschaftlicher Natur. Ich suchte, wenn ich überhaupt etwas suchte, eine platonische Verbindung. Niemals hatte ich etwas von Beziehung auch nur gedacht, und eingelassen hatten wir uns schon aufeinander per WA. Dafür, dass er mir nicht vertrauen könne, hatte er mir einiges erzählt, was ich durchaus unter dem Begriff Vertrauen abhaken würde. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen Grund dafür gesehen, ihm zu sagen, dass ich ASS war. Einerseits war ich mir sicher, dass diese Information bei ihm gut aufgehoben war, doch andererseits hätte sie doch wohl unsere reine WA-Freundschaft gesprengt.

Warum muss es denn immer Liebe sein, wenn man die Nähe eines anderen sucht?

Er hatte nie über irgendwelche Gefühle mir gegenüber offen gesprochen. Dass ich das Empfinden hatte, dass ich ihm mehr bedeutete als manch andere Frau im Chat, war mein Verdacht, den er nie erhärtet hatte. Es gab viele, viele Kleinigkeiten die mich zu diesem Gedanken führten, aber was ich mir dachte, musste ja nicht stimmen. Bei unseren Treffen kam es nie zu Berührungen, aus denen man irgendwelche Gefühle herleiten konnte. Sicher, einige Gesten waren sehr persönlich, doch blieb er immer emotional auf Abstand, wie ich auch.

Nach dieser Ohrfeige gab es noch einige Kontakte per WA, die ich jedoch in meiner sehr “liebevollen” Art erwiderte. Manchmal kann man nicht anders.

Trotz allem: Wer ist in meinen Gedanken, ist ein Teil meines Lebens.

Epilog

Willkommen in meinem Leben, hatte ich ihm gesagt. War das für ihn dieses einlassen? So habe ich das doch gar nicht gemeint. Ich war nach diesem sehr interessanten Tag in X bereit, ihm einen Platz in meinem Leben einzuräumen. Einen Platz, nicht den Platz. Wer selbst nicht weiter ist als du, der kann dich auch nicht weiter bringen. Das wollte ich. Ihn weiter bringen auf seinem Weg. Ihm mit meinem Wissen vorwärts helfen.

Ehrlich wie ich bin, sage ich aber auch, dass ich mir Gedanken machte. Er liebte Met, süßen klebrigen Honigwein. Ich hatte gesehen, dass der Alkohol begann seine Spuren zu hinterlassen. Die besagte Dame die ihn unbedingt wollte, hatte einmal zu mir gesagt, man muss X nur genug zu trinken geben, dann erfährt man alles. Hatte sie ihm auf ihrer eigens für sich organisierten Geburtstagsfeier genug zu trinken gegeben? Für mich ist so etwas menschenverachtend, denn angeblich sei auch ihr Vater Alkoholiker gewesen. Kein Mensch der des anderen Freund sein möchte, sollte so etwas tun.

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