Hettys blaues Café

Schwarzromantik & Dunkles Leben

Was es nicht alles gibt: Mingle

Mensch lernt ja nie aus. Ich war ja schon immer ein bisschen Bluxx, doch das haut mich weg. Jetzt reichen die deutschen Wörter nicht mehr, wir brauchen ständig neue Wortschöpfungen. Wie bekloppt. Na gut, da gibt es nun seit 2014 einen neuen Beziehungsstatus: Mingle. Als moderner Mensch, ständig auf der Höhe, wissen Sie natürlich was das ist. Ein Single, das unverbindliche Freundschaften pflegt. Warum muss es nur für alles irgendein beklopptes Wort geben?

Da jeder weiß was das ist, außer mir, möchte ich das noch einmal definieren. Das ist, ich suche niemanden für nichts – außer Sex. Das muss man wissen, denn Sex ist dabei wohl wichtig, er ist explizit in Wikipedia erwähnt. Wer also nicht mit einem anderen dabei rummacht ist auch kein Mingel. Oder?

Wozu wir dieses Wort brauchten, erklärt sich mir nicht. Dieser Peter Wippermann, der das erfunden haben soll, wird es sicher wissen. Praktisch ist es dahingehend, dass man nicht mehr nachdenken muss und nach Worten suchen, wenn man anderen beibiegen möchte, wie man eigentlich lebt. Unlängst wollte jemand über mich wissen, ob ich einen festen Partner hätte. Wäre meine Freundin da schon im Kenntnisbesitz dieses Wortes gewesen, hätte sie nur sagen brauchen, nein, sie hat nur Freundschaften mit gewissen Vorzügen. Da haue ich mich wech. Es hat also so um die 400 Jahre gedauert, oder länger, bis man endlich mühsam geschafft hat, ein freundliches Wort für die Tatsache zu finden, dass man eigentlich Sexbeziehungen pflegt, wenn man was pflegt.

Spaß geh weg, ich werde ernst.

Ich habe immer so gelebt, mit 2 kleinen Ausnahmen, einer langjährigen Lebensgemeinschaft und einer Ehe. Doch betrachten wir es einmal ganz sachlich. Mingle zu sein, ist nicht jeder Mensch Sache. Es gibt Menschen die können es, und Menschen die können es nicht. Mingle sein, heißt teilen können, und da hört es oft auf. Mein langjähriges Mingle habe ich vor 42 Jahren kennen gelernt. Es war der Freund meiner damaligen Besten. Nie im Traum wäre mir eingefallen, dass da mal überhaupt etwas draus wird. 8 Jahre später trafen wir uns bei eben dieser Freundin durch Zufall wieder. Ich war indes Mutter, sie sah Mutterfreuden entgegen. Das war der Beginn einer nie endenden Freundschaft.

Er war verheiratet, wurde geschieden, hat sich neu verheiratet. Ich habe irgendwann geheiratet, wurde geschieden, bin eine Lebensgemeinschaft eingegangen. Mein Mingle war immer an meiner Seite, ich an seiner. In ganz schwachen Momenten haben wir uns unserer Liebe versichert, haben uns Heiratsanträge gemacht, doch nie etwas an unserem Beziehungsstatus geändert. Mal war man sich näher, mal ferner, mal sah man sich einige Jahre gar nicht. Wir wussten immer, dass wir nie das einzige Sexverhältnis füreinander waren. Und, wir haben nie miteinander über unsere Partner gesprochen. Für uns gab es nur uns. Unsere Zeit war halt unsere Zeit.

Für viele Frauen in meinem Umfeld, die davon wussten, wäre es undenkbar gewesen, ein Verhältnis mit einem Mann zu haben, den sie teilen müssen. Viele Frauen, das Internet bezeugt es, suchen in jedem Verhältnis etwas endgültiges, gerade die älteren Semester. Sie suchen Treue. Langjährige Freunde für die gewissen Stunden sind doch treu. Es ist eine Treue, die weit über die in einer festen Beziehung hinaus geht. Man kann, anders als in einer Ehe, über alles reden. Ja, auch hin und wieder über seine Eheprobleme. Die Aussage, man würde in so einer Minglebeziehung die Verantwortung füreinander scheuen, ist auch nicht ganz richtig. Mein Mingle hat sich immer für mich verantwortlich gefühlt, auch für mein Kind. Was man jedoch nicht hat, eine finanzielle Verantwortung füreinander. Man muss weder Wäsche waschen noch Strümpfe stopfen. Es gibt keinen Zoff, keinen Streit und nur Sonnenschein.

Was die Gefühle angeht. Man muss sich immer darüber bewusst sein, welche Gefühle man für den anderen hat. Es gibt Menschen, die hat man sehr gerne, doch für die große Liebe reicht es nicht. Man kann gut miteinander im Bett, doch für mehr reicht es auch hier nicht. Man mag einen Menschen, doch für Sex reicht es nicht. Auch eine Mingle-Beziehung setzt keinen Sex voraus, Zärtlichkeit ist ebenso wichtig, ohne den Austausch von Körperflüssigkeiten. Manchmal ist der Spatz in der Hand ebenso erfüllend wie die Taube auf dem Dach. Man ist sich nah, und doch so fern.

Vor einiger Zeit habe ich einige Männer getroffen, die voll meine Altersphobie bedienten. Zehn bis Zwanzig Jahre sind für mich unüberbrückbar. Hätte ich da schon den Begriff Mingle gekannt, wäre die Sache vielleicht ganz anders ausgegangen. Man muss sich zu einem Mingle nicht bekennen, man muss diese Beziehung, so sie eine ist, auch nicht öffentlich leben. Die Beziehung muss auch nicht zwingend mit Sex bereichert werden, allenfalls mit einem hätte ich mir das vorstellen können. Man kann sich jedoch eine sehr schöne Freundschaft aufbauen, die viele Facetten zwischenmenschlicher Beziehungen bedient. Unwissenheit schützt vor Schaden nicht. Wie sagt man doch, das was man beim älter werden bereut, ist nicht die verflossene Jugend, sondern die verpassten Gelegenheiten.

Ja, manchmal fehlt wirklich nur das richtige Wort.

 

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