Hettys Gedankenwelten – Sapere aude

Schwarze Romantik, Germanistische Mediävistik, Gothic

Ein Chamäleon namens Trude

Dunkles Tagebuch: Trude

Wie ich Trude kennenlernte

Trude lernte ich ebenfalls auf einer Betriebsveranstaltung kennen. Man sagte mir, dass sie eine kleine Aufmerksamkeit für unseren Chef "basteln" würde und fragte, ob ich mich finanziell beteiligen werde. Natürlich. Was mich an dieser Frage ärgerte war der Umstand, dass ich mich etwas übergangen fühlte, denn die Veranstaltung, so war es abgesprochen, bereitete ich vor. Wenn es die Oberen nun anders planten, bitte sehr. Zu diesem Zeitpunkte kannte ich Trude noch nicht, sie gehörte eigentlich gar nicht zu unserer Abteilung. Dass alleine prägte meine negative Grundhaltung, Trude wurde mir sofort unangenehm. War es Intuition? War es mein angeschlagener Gemütszustand? Ich fühlte mich übergangen, denn ich hatte bereits ein Geschenk für unseren Chef. Auch wenn es nicht mehr meine Abteilung war, den Kollegen fühlte ich mich noch immer verbunden. Das Leben ging weiter, so ist es nun einmal, jeder ist ersetzbar.

Noch etwas verwunderte mich. Für mich war klar, ich bereitete die Veranstaltung zwar vor, nahm jedoch nicht mehr daran teil. Einige Zeit vorher bekam ich eine Einladung zu diesem Treffen ausgerechnet von dem Kollegen, wegen dem ich die Abteilung kurz zuvor verlassen hatte. Er tat, als sei nichts gewesen. Ich antwortete unmissverständlich unbestimmt, was ihn nicht davon abhielt, mich noch einmal zu kontaktieren. Eine liebe noch sehr junge Kollegin bat mich doch zu kommen, dann fühle sie sich sicherer. Ein Kollege hatte ihr gestanden, dass er sich in sie verliebt hätte.

Gut, so quälte ich mich also dorthin. Insgesamt fühlte ich mich nicht wohl, war übler Laune und wollte schnell wieder weg. Es gab jedoch Situationen im Leben, die konnte man nicht steuern. Die waren einfach da, vergleichbar mit einem Tsunami, der einen unter sich begrub. Dieser Tsunami hieß Trude.
Wie bereits vorgestellt, war Trude in ihrem Umfang recht gewaltig. Wir sahen uns an und ich glaube, es war beiderseitige Antipathie auf den ersten Blick. Von meiner Seite aus war es klar, doch was hatte Trude gegen mich? Wir hatten uns vorher noch nie gesehen und gehört.

Endlich trafen auch die Nachzügler ein. Unser Nesthäkchen und der sehr cholerische Kollege. Als Außendienstler kannten wir uns alle nicht. Man kannte zwar die Stimmen der anderen, doch das Konterfei nur von Bildern, meist nicht sehr aktuell. Da war es nun also mein persönliches Feindbild, lebensecht.

Moritz erschien mir riesig, er überragte mich um Kopflänge. Seinerseits war die Begrüßung recht unterkühlt. Er nickte mit dem Kopf, sah mich kurz an, meinte "Hallo", und sah über mich hinweg. "Affe" formulierten die Gedanken in meinem Kopf. Wie kann eine so nette Stimme ein so arroganter Vogel sein? Bevor das gemeinsame Dinner begann, hatte Trude ihren ersten Auftritt. Sie kam daher wie die Weihnachtsfrau. Oh liebe Kinder, wer hätte das gedacht? Ich habe Euch etwas mitgebracht. Wortreich erklärte sie, sie hätte eigens für uns alle Pralinen selber geschöpft, und verteilte ihre Tütchen. Zuerst an Moritz, dem sie doch letztens so gut geschmeckt hätten. Danach bekamen alle anderen die Mitbringsel, außer ich. Nicht dass es mich brüskierte, es war ja nicht weiter unhöflich. Eine Kollegin lehnte ab und so sollte ich in den Genuss dieser hochfeinen Confiserieware kommen. Nein Trude, ich lasse mich nicht zweimal beleidigen, dankend lehnte ich mit den Worten ab: Ich mag keine Pralinen. 1 : 1, nun war sie beleidigt. Mein Kopf wanderte kurz nach schräg rechts und ich fing ein Schmunzeln von Moritz auf, den das scheinbar amüsierte.

Nach dem gemeinsamen Essen hatte die Weihnachtsfau ihren zweiten Auftritt und übergab das sehr kreative, eigens gebastelte Geschenk unserem Chef. Ein Sechserträger Bier. Jede Bierflasche hatte eine Krawatte aus Geldscheinen um, als Zugabe der Kollegen, weil er die Zeche zahlte. Sehr kreativ, wirklich. Freut sich auch jede Kassiererin drüber, wenn sie zerknautschtes Geld bekommt. Da ich ja weiter nichts zu tun hatte, beobachtete ich Trude sehr interessiert, denn mir fiel ihre Art zu sprechen auf. Sie sprach unbeholfen, monoton und abgehackt.

Raucher dieser Welt vereinigt euch. Da es nur drei Raucher gab und nur zwei rauchen wollten, fanden sich Moritz und ich am Aschenbecher auf der Terrasse ein. Schussel wie ich war, hatte ich das Feuerzeug vergessen, und bat ihn um Feuer. Mit abweisendem Blick ließ er das Feuerzeug aufflammen. Wenigstens besaß er hierbei ein Stück Kultur. Wir rauchten wortlos und ich hatte Zeit ihn ein wenig zu betrachten.
Moritz war ein großer, schlanker Mann. Leger gekleidet mit einer schwarzen Cargo Hose und einem grauen bedruckten Kapuzen-Sweatshirt. Es stand ihm gut. Seine dunkelblonden Haare begannen schütter zu werden. Wie weit konnten doch die Stimme eines Menschen und sein Aussehen auseinander gehen! In meinen Augen war Moritz kein attraktiver, dennoch interessanter Mann. Er mochte Mitte vierzig sein, hatte wache, forschende Augen, einen sinnlichen Mund und ein kaum wahrnehmbares Lächeln um die Lippen. Bei unserer zweiten Begegnung am Aschenbecher standen wir uns fast gegenüber. Dieses schweigende Getue nervte, so sprach ich ihn auf diverse betriebliche Dinge an. Irgendwie hatten wir dabei einen gemeinsamen Nenner gefunden. Spontan streckte er mir seine Hand seitlich entgegen und umschloss sie. Im ersten Moment war der Händedruck weich, doch dann wurde er fest und bestimmt. In der Zwischenzeit war unser Nesthäkchen dazu gekommen, die die Situation gleich beim Schopfe fasste. "Nun vertragt euch. Entschuldige dich schon bei Lissa, die Hand habt ihr euch ja eben gegeben."
"Entschuldige mich nicht, sind wir hier im Buddelkasten?" brummelte Moritz, doch seine Augen lächelten.
Es kam mir vor, als hätte sich eine Tür geöffnet. Sein Händedruck signalisierte mir, dass er durchaus bereit war, mich in seine Distanzzone zu lassen und unser Kennenlernen zu vertiefen.

Der Rest der Feier verlief locker. Wir lachten viel und ich fing hin und wieder Moritz Blick auf. Manchmal sprach er mich über die ganze Entfernung des Tisches an, lachte und schien irgendwie gelöst. Hatte ihn etwa unsere sehr offene Konfrontation belastet, wegen der ich die Abteilung gewechselt hatte?
Trotz all der guten Stimmung wollte zwischen Trude und mir nichts aufkommen. Wir wechselten den ganzen Abend, obwohl sie neben mir saß, kaum zehn Sätze. Um besser in Verbindung bleiben zu können, tauschten wir alle unsere Handynummern aus, alle, bis auf Moritz.
Obwohl mein Kind mir versprochen hatte mich abzuholen, war mal wieder kein Anschluss unter seiner Nummer. Ich fragte daher Trude, ob sie mich mitnehmen könne, denn wir hatten fast den gleichen Weg. Nach einigem Zögern stimmte sie zu. Braves Händeschütteln allseits, Luftküsschen unter den Damen, bis auf Trude. Als ich mich von Moritz verabschiedete, kam er leicht auf mich zu, so als wollte er mir ebenfalls einen Wangenkuss geben, machte dann jedoch einen Schritt zurück. Wir sahen uns nur lächelnd an. In diesem Moment hatte ich das sehr bestimmte Gefühl, dass ich sehr bald von ihm hören würde.

Im Nachhinein denke ich, wenn ich mir die Gesichter der Einzelnen zurückrufe, es war nicht nur meine Ahnung.

Der Tragödie erster Teil

Wie bereits bei unserem Treffen abgesprochen, oder besser von Trudes Chef vorgeschlagen und befohlen, sollten wir eine Aktion gemeinsam machen. Sein Kommentar dazu war nicht gerade schmeichelhaft bezüglich Trudes Engagement. Ohne es direkt zu bestätigen, war seine Annahme, sie würde es vergeigen, nicht verkehrt. Bei dieser Gelegenheit bemerkte ich, dass Trude zwar die besten Absichten hatte, doch mit der Umsetzung haperte es. Nun, trotz allem, wir kamen uns ein Stück näher.

Das nächste Mal hörte ich von Trude 2 Monate später. Sie schickte mir eine WhatsApp Nachricht, was mich sehr verwunderte. Erst ignorierte sie mich, ließ mich bei der gemeinsamen Aktion fast alles verhauen und kam dann fröhlich des Wegs. Bei solchen Konstellationen standen meine Antennen sehr sensibel auf Empfang.

Der Fortschritt brachte es mit sich, dass man heute auf allen möglichen Wegen miteinander kommunizieren konnte. Einmal in der Woche trafen sich alle Abteilungschefs in einem Sprachchat. Zu der großen Runde gehörten auch Moritz, Trude und ich. Für mich waren diese Things lästig. Ich mochte dieses endlose Gelaber nicht, dass vorher oder hinterher stattfand. Jeder versuchte sich zu produzieren, einer schlimmer als der andere. Mein Bestreben war stets, nur schnell weg. Es gab jedoch einen Menschen, der etwas dagegen hatte: Moritz. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass sich diese Treffen zwischen uns zu einer Art Flirtline entwickelten, was für mich sehr unbehaglich war.

Natürlich mag es jede Frau gerne, wenn sie ein wenig angehimmelt wird, doch alles zu seiner Zeit an seinem Platz. Diese Things waren weder der rechte Platz noch die richtige Umgebung. Ich hatte aus mehreren Gründen etwas dagegen. Konnte ich auch ganze Säle bei Vorträgen in meinen Bann ziehen, mochte ich es nicht, vor einem Saal in den Bann gezogen zu werden. Ich kam mir vor wie Julia, die von ihrem Romeo angeschmachtet wurde. Für mich war das aus mehreren Gründen einfach indiskutabel. Moritz war etliche Jahre jünger als ich, viele etliche Jahre. Ich kannte sein wahres Alter nicht, vermute aber es waren mehr als zehn. Schlicht, es war mir nicht angenehm. Unter sechs Frauen mischten sich drei Männer und einer flirtete ungeniert mit einer, die viel zu alt für ihn war. Nein, das gehörte sich für mich nicht.

Niemand weiß, wer in wen verliebt ist. Niemand weiß, was zwischen welchen Kollegen für Sachen laufen. Moritz war allgemein der Favorit aller Frauen dieser Runde, mich wählte er aus als Adresse für seine Rosamunde Show? Irgendwie kam ich mir veralbert vor. Nicht nur veralbert, auch hilflos. Wie sich wehren? Wie sich dem entziehen?
Meine persönliche Abneigung gegen dieses Flirtspiel erwies sich bald als richtig, auch wenn sich das Ungemach fast unbemerkt in mein Dasein schlich. Das Ungemach hatte einen Namen: Trude.

Trude begann mir WhatsApp Nachrichten zu schreiben. Es war zunächst ein netter, ja fast lustiger Nachrichtenaustausch. Anfangs nicht regelmäßig, mehr so, ich habe gerade an dich gedacht. Warum auch nicht? Man tauschte sich aus über backen, Rezepte, Heim und Familie. Ja, es war nett und ungezwungen bis zu dem Tag, der mich wie ein Tsunami mit in die Tiefe zog. Trude lästerte gerne, und sie lästerte gerne über unseren Chef und....Moritz. Alles nicht so schlimm, doch schlimmer geht immer. Bald konzentrierte sie ihre Gespräche nur noch auf Moritz. Es begann mit der Feststellung, dass er Single sei und eine "Betreuung" bräuchte, Ganztagsbetreuung. WhatsApp läuft bei mir nebenher, neben Arbeit und halbem Hirn. Ohne tiefgründig über meine leicht dahin geplapperten Worte nachzudenken, antwortete ich ihr spontan, dass sich Moritz schon selbst versorgt hätte. Seit wann fragte sie. Ich: Schon seit der Betriebsfeier. Erst die Aufzählung aller Namen in Verbindung mit der Frage: Wer? machte mich wach. Da ich mit Moritz seit Monaten fast täglich kleine Nachrichten schrieb, dachte ich im ersten Moment nicht weiter über die Tragweite meiner Worte nach. Erst ihre bohrenden Fragen machten mir bewusst, dass ich offenbar einen Riesenfehler gemacht hatte.

Trude ließ nicht locker. Von nun an schrieb sie mir täglich, versuchte mich täglich auszufragen und das stundenlang. Wieder und immer wieder kam nur ein Name ins Spiel - Moritz. Sie verbandelte mich mit unserer internen WhatsApp Gruppe, von der ich nicht einmal wusste, dass es sie überhaupt gab. Oft genug "verwechselte" sie ihr persönliches WhatsApp mit dem Gruppen WhatsApp, wo jeder alles lesen konnte. Leider bemerkte ich das anfangs gar nicht. Wir schrieben nichts Geheimes, doch gerade ihre Lästereien mussten auch nicht öffentlich sein. Immer öfter musste ich sie mahnen, doch aus der Gruppe in das private WhatsApp zu wechseln.

Was ich jedoch sehr wohl bemerkte, dass sich zwischen Moritz und mir etwas veränderte. Wir schrieben bereits November. Aus dem Abteilungsleiter Chat war ein Freizeit Chat geworden.

Atempause

Ob es mir nun gefiel oder nicht, ich begriff langsam aber sicher, dass Trude mich stalkte um an Moritz heranzukommen. Sie suchte Informationen über den Mann ihrer Träume, die ich ihr jedoch nicht geben konnte. Im Laufe der Zeit hatte ich Moritz zwar etwas besser kennengelernt, wusste dies und das, doch nichts, was ich weiter erzählen konnte, wollte und würde. Schon gar keiner Trude, die immer offensiver wurde.

Meine Abneigung gegen dieses Kollegengelaber änderte sich nicht. Alle Einladungen dort mitzumachen lehnte ich demonstativ ab. Aus heutiger Sicht auch ein großer Fehler. Ich hätte dabei sein müssen, um Trudes Netz, dass sie um Moritz webte, zu zerschneiden. Mir war jedoch viel wichtiger wie ich Trude los wurde, nicht, wie ich ihr näher kam.

Ja, ich hatte Moritz im Laufe der Zeit lieb gewonnen. Mir gefiel seine Art der Kommunikation mit mir, obwohl sie mich auch oft ärgerte. Anfangs schrieben wir täglich kurze Mitteilungen, oft reichten wenige Worte. Der erste Piepton des Handys kam von Moritz der mir "Morgääähn" sagte. Viel später begriff ich, dass er alle aus der WhatsApp Gruppe stereotyp so begrüßte. Tat er es mal nicht, wie am Wochende, forderte Trude den Morgengruß explizit ein.

Ab und an las ich auf Moritz Blog. Dabei stellte ich fest, dass er ein gewaltiger Rebell war und gerne herumpöbelte. Er schrieb wunderschöne Geschichten, tiefsinnige Gedichte und sinnige Sprüche. All das sprach mich an. Moritz entwickelte sich für mich zu einer Art Insel. Ich spürte seine Stimmungen, verstand seinen Ausdruck in den kurzen Nachrichten immer besser.

Anfang November begann sich etwas in unserem Verhältnis zu verändern. Seine Nachrichten wurden spärlicher. Die Leichtigkeit darin verschwand, alles wurde erdrückend, schwer und zäh. Mehr und mehr spürte ich, dass Moritz aus meinem Leben ging. Kurz darauf meldete er sich gar nicht mehr. Wir trafen uns nach wie vor im Sprachchat. Der November war die Zeit der meisten Arbeit, und so kam er manchmal nur kurz oder gar nicht. Im Chat war er nach wie vor der Spaßvogel, doch ich spürte auch hier, dass er anders war. Unter anderem schrieb er mir, er hätte Männergrippe, läge im Bett, worüber ich kräftig lachte und ihn veralberte. Offiziell entschuldigte ihn Trude, was mich sehr erstaunte. Kurz vor Ende meldete sich Moritz doch noch, verschnupft, heiser, schniefend und schnaubend. Ich war beschämt und entschuldigte mich bei ihm. Mir kam es so vor, als wäre es ihm wichtig gewesen, mir zu zeigen, dass er wirklich krank war. Trude war es nicht recht, dass er doch noch kam. "Ich denke du bist krank." sagte sie unwirsch.

Ende November war Moritz wieder da. Unser altes Verhältnis zueinander stellte sich wieder ein. Ich bemerkte jedoch, dass er mich irgendwie enger an mich anschloss. Wir gingen öfter in den "Keller". Ein Sprachraum, den niemand anders betreten konnte. Es war nichts Weltbewegendes was wir besprachen, doch es war wohl seine Art mir nahe sein zu wollen. Eines Tages fragte er mich, ob ich seine Geschichten lesen würde. Es war etwas in seiner Stimme, was mich tief bewegte. Für mich klang es wie die Bitte: "Geh nicht, bleib bei mir." Ich hatte keinerlei Absicht auch nur irgendetwas in dieser Hinsicht zu tun. Für mich war er schon lange ein Bestandteil meines Lebens geworden. Jedesmal wenn wir zurückkamen, machte Trude spitzfindige Bemerkungen. Sofort hatte sie eine Sache parat, mit der sie ihn noch festhalten konnte, denn ich ging.

Wer selber schon einmal das Opfer in einer solchen Situation geworden ist, kann meine Gemütsbewegungen sicher verstehen. Da gab es einen Mann, zu dem man ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt hatte, mit dem man völlig unverbindlich Nachrichten austauschte. Dann gab es da eine Frau, die total verliebt in den besagten Mann war, den absoluten Realitätsverlust hatte und nur einen Gedanken, wie werde ich meine vermeintliche Konkurrenz los. Man selber befand sich in der Mitte und wurde in gewisser Weise von beiden Seiten angezogen und abgestoßen.

Auch wenn ich Moritz mochte, so war er doch ein Mann in den vierzigern, zu dem ich keine Gefühle entwickeln konnte, die über Zuneigung hinausgingen. Jedenfalls glaubte ich das. Um es kurz zu machen, ich fühlte mich zu alt, körperlich nicht mehr attraktiv genug. Langsam aber sicher stellten sich gesundheitliche Probleme ein, die ich nicht weghexen konnte und die eine Beziehung ganz sicher belasteten. Ich registrierte alles, was von Moritz zu mir herüber kam, doch ich konnte es nicht annehmen. Vielleicht war ich blind, doch nicht gehörlos. Bei allem was er sagte und tat, fehlte mir eine gewisse Unmissverständlichkeit, Eindeutigkeit. Das was ich nicht verstehen konnte, oder wollte, verstand aber wohl Trude. In ihrem Verhalten zu mir wurde sie immer aggressiver. Sie ließ mich einfach nicht los, hielt mich fest im Griff.

So vorsichtig und sich selbst beschützend wie ich, war Trude nicht. Sie ging sehr offensiv auf Moritz zu, forderte ihren Anteil, den sie an ihm haben wollte, massiv ein. Ich hatte nie verstanden, warum Moritz überhaupt diese Show abzog? Brauchte er mich als Schutzschild gegen Trude? Dafür war ich nicht geeignet, denn ich habe noch nie um einen Mann gekämpft in meinem Leben. Um endlich meine Ruhe zu finden überließ ich Trude das Feld. Sie war jünger, dynamisch, aggressiv und sich ihrer Sache absolut sicher. Sie hatte ihren Traummann gefunden, den fest im Griff hielt. Für den sie sich ihren Geburtstag mit einer Riesenfeier etwas kosten ließ. Ich konnte auf das Spektakel gerne verzichten und sagte ab.

Ende Februar nutzte ich die Gelegenheit und brach endgültig mit meiner alten Abteilung. Es tat mir weh, doch ich mussste Abstand gewinnen. Damit befolgte ich auch Trudes Rat. Bei Problemen muss man nur die Sichtweise ändern und über den Dingen stehen. Genau so ist es.

Ende in Sicht?

Ganz so einfach wie ich mir das dachte, war es nicht für mich. So oft hatte ich Moritz gebeten, lass uns nicht nur schreiben, lass uns doch einmal reden. Dass er nicht gerne redete war eine Lüge, dass man nicht immer reden will, war eine Tatsache. Wie ich festgestellt hatte, war Moritz sogar einige Male in meiner Abwesenheit auf meinem Sprachaccount. Eine kurze Nachricht auf WhatsApp hätte genügt. Als wir uns endlich wiederhörten, erschrak ich etwas. Seine Stimme klang gedrückt, müde und lustlos. Sie klang nicht, er lachte nicht. Nach einem stressigen Arbeitstag verstand ich das. Das war er also, der wahre Moritz am Ende eines langen Tages. Hier spürte ich das erste Mal deutlich, dass in unserer Kommunikation Schwierigkeiten einzogen. Ja, ich war nicht das Chamäleon Trude, das sich stets anpasste und ihn bespaßte. Ich war eher ein sachlicher Mensch.

Moritz fehlte mir. Kurz vor Ostern schrieb ich ihm, dass ich gerne meinen Geburtstag mit ihm in X verbringen würde. Moritz sagte zu. Die kommenden drei Wochen schrieben wir uns wieder häufiger. Jeder von uns war bemüht keine schlechte Stimmung aufkommen zu lassen. Nur nichts kaputt machen. Drei Wochen lang bemühte er sich, alle Wünsche die ich je geäußert hatte hinsichtlich der Schreiberei zu beherzigen. Er wollte also das Treffen ebenso wie ich.

Von den alten Kollegen erfuhr ich, dass Moritz bereits kund getan hatte, dass ich ihn besuchen würde. Diese Darstellung verärgerte mich. Besuchen hat für mich etwas sehr persönliches. Ich wollte ihn nicht besuchen, ich wollte mich lediglich mit ihm treffen. Warum also diese Darstellung? Wollte er auf die Art jemandem etwas zu verstehen geben?

Kurz nach unserem Treffen fand Trudes große Geburtstagsparty statt, an der ich nicht teilnahm. Zwischen Moritz und mir war es wieder einmal zum Eklat gekommen, ein ganz eigenes Thema. Den Grund dafür habe ich nie verstanden. Schuld ist nie einer alleine, ich gebe zu, auch in diesem Fall wohl nicht.

Außendienstler kommen und gehen, kommen wieder und gehen wieder, wechseln hin und her. Alle machen das gleiche und doch macht es jeder anders. In den letzten Monaten waren einige von Moritz Abteilung zu mir gewechselt, auch unser Nesthäkchen war so ein Wiederkommer. Sie berichtete mir brühwarm, was nach der großen Party abging: Trudes neues Opfer war Moritz persönlich. Moritz tat mir auf eine Art leid, er wurde von Trude regelrecht gejagt. Anfangs mochte es ihm gar nicht so bewusst geworden sein, doch mit der Zeit schien ihm ein Licht aufzugehen. Im Laufe der Zeit wurde Moritz jedoch ein Opfer seiner selbst. Er stand seinem weiblichen Spiegelbild gegenüber. Trude.

Was auf dieser Party passiert war, werde ich nie erfahren. Von Trude jedoch wusste ich, dass Moritz wohl nicht der Strahlemann gewesen war, als den wir ihn kannten. Ihn schien etwas zu belasten.
Wie Trude schon vor Monaten geäußert hatte, war die Zeit gekommen, dass Moritz eine "Ganztagsbetreuung" brauchte. Da sie zu weit von Moritz weg wohnte, hatte sie mir gestatten wollen, diese Pflege zu übernehmen 🙂 War es damals auch nur eine kleine Lästerei, so glaube ich heute, dass es Trude sehr ernst gemeint hatte. An ihrem Geburtstag musste sie wohl beschlossen haben diesen Part selber zu übernehmen. Ich hatte alle Kontakte mit ihr rigoros abgebrochen, würde ihr also nicht mehr in die Quere kommen, so glaubte sie. Moritz hatte sich seinerseits entschieden und alle persönlichen Kontakte mit mir abgebrochen, warum auch immer.

Im Laufe der Zeit hatte ich Moritz etwas besser kennengelernt. Ich möchte auf keinen Fall behaupten, dass ich ihn kannte, oh nein, er war ein Buch mit sieben Siegeln, aber auch dem Anschein nach etwas durchschaubar. Für Trude wie auch für Moritz war das eigene Ego der Motor des Lebens. Moritz benutzte Trude für seine Interessen und Trude wollte ihn bezwingen. Das perfekte Duo. Keiner von beiden wollte sich sein Spielzeug wegnehmen lassen. Im Gegensatz zu Trude war sich Moritz seines Tuns nicht bewusst. Je mehr er versuchte Trude an sich zu binden, je mehr versuchte sie, sich für ihn unentbehrlich zu machen. Anfangs funktionierte es auch. Für Moritz wurde Trude der Entertainer seiner Online Freizeit, doch Trude wollte mehr.

Auf höheren Befehl reichten sich Trude und ich die Hand. das Hoovering begann. Ich ahnte was kommen würde, daher war ich vorsichtig. Zugegeben, auch mein tun war diesmal etwas egoistisch. Für mich war wichtig Trudes Gedanken kennenzulernen. Unsere WhatsApp Schreiberei begann erneut, alles wie gehabt. Trude wollte den Gedanken in mir erwecken, ich sei ihr großes Vorbild. Sie suggerierte mir, sie hätte viel Vertrauen zu mir und bezöge mich als Berater in ihr Leben ein. Keine schlechte Taktik.

Trotz all der Show war Moritz und seine Abteilung übermächtig. Letztlich tanzte Trude auf beiden Hochzeiten. Sie war nie ganz bei mir und dort nie ganz weg. Dreiviertel ihrer Kraft war bei Moritz Abteilung, ein Viertel ihrer Kraft bei mir. Nichts ließ sie unversucht, mir klarzumachen, dass Moritz zu uns gehörte. Ein völlig abwegiger Gedanke. Doch alles in allem ging es nur um persönliche Dinge, egal um was es ging, mit Moritz begann es, mit Moritz hörte es auf.
Irgendwann sprach ich Trude auf ihre Verliebtheit an, die sie energisch leugnete, schließlich war sie ja verheiratet. Wer es glaubt. Unbewusst verriet sich Trude jedoch selber. Kann auch der Mensch lügen, Stimmen tun es nicht. Lange geplant und vorbereitet wollte Trude in X 1 Woche Urlaub machen. Sie war sich unsicher, ob sich Moritz mit ihr treffen würde. Warum nicht? War sie doch seine engste Freundin zu der Zeit. Da der Weihnachtsmarkt in X bereits geöffnet hatte, bot ich ihr an, mich dort mit ihr zu treffen. Kurz vor dem Urlaub war Trude wie aufgezogen. Moritz im Minutentakt. Bis er endlich in Sicht war, hatte ich zwei Wochen lang nichts anderes zu ertragen. Sie buk Plätzchen, kaufte sich eine neue Jacke, dachte unablässig darüber nach, wie der Tag wohl ablaufen würde. Und diese Frau war nicht bis über beide Ohren verliebt? Bösartig wie ich nun einmal sein konnte, hatte ich ihr erzählt, dass ich mich mit Moritz an meinem Geburtstag getroffen hatte. Es war nicht fair, es ging niemanden an, doch der kleine Hieb musste sein. Außerdem hatte es Moritz ja selber breit getreten, also kein Geheimnis.
Trude fragte mich sehr genau über das Treffen aus, jedenfalls versuchte sie es. Ich erzählte ihr lediglich, wo wir waren. Ein Schelm der Böses dabei denkt. Genau dorthin hätte Moritz sie auch geführt. Wollte ich es glauben? Nein, ich wollte nicht.

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